WER IST CESNUR? - Folge


Die Katholische Allianz erkennt ihre Schuld gegenüber Dr. Plinio an

Die KA ist stolz darauf, Plinios Schriften in ihrer Zeitschrift zu veröffentlichen:
Seine Schriften wurden oft im Ausland wiederveröffentlicht, insbesondere in den Zeitschriften der verschiedenen TFP-Zweige. In Italien erscheinen sie in der Monatsschrift Cristianità, dem offiziellen Organ der Katholischen Allianz, und in Quaderni di Cristianità, herausgegeben alle vier Monate. (In memoriam: Plinio Corrêa de Oliveira, Cristianità, Nov.-Dez. 1995, Seite 6)
Hier ist die vollständige Aussage über die Beziehung, wie sie in dem offiziellen KA-Organ erscheint:
Die Katholische Allianz, weder gegründet noch geleitet von Plinio Corrêa de Oliveira, befaßt sich in den Ausgaben, in denen dieses Thema behandelt wird, mit dem konterrevolutionären Magisterium, über das er sich zeit seines Lebens auf Erden äußerte [...]. Aus dem Testament des brasilianischen Meisters geht hervor, daß die Katholische Allianz allen Grund hat, wirkungsvollere Hilfe aus seinem ewigen Leben am Ende des Jahrhunderts, das auch das Ende eines Jahrtausends ist, zu erlangen -- im Hinblick auf ein neues Jahrhundert, das auch ein neues Jahrtausend ist. Schließlich hat sie mit ihm den tiefempfundenen Glauben gemein, daß das neue Jahrhundert und das neue Jahrtausend nur ein christliches Jahrhundert und Jahrtausend sein können, ein Jahrhundert und Jahrtausend der Maria; es hat auch die Hoffnung mit ihm gemein, genährt durch die Verheißungen von Fatima -- "Am Ende wird mein unbeflecktes Herz triumphieren" --, auf eine große und bedeutsame Bekehrung und damit auf eine Wiederherstellung der Christenheit ("In memoriam", Cristianità, Nr. 247-248, Nov.-Dez. 1995, Seite 7)
Der verwickelte Bezug auf das "Jahrtausend" offenbart in korrekter Kirchensprache Plinios Phantasien über das kommende Mittelalter.

Die Internet-Seiten von IDIS (dem eher politischen Ableger der KA) enthalten eine Seite, geschrieben von Giovanni Cantoni, dem "Regenten" der KA, gewidmet "Plinio Corrêa de Oliveira (1908-1995): ein Leben für Kirche und christliche Zivilisation":

Hervorstechend unter Corrêa de Oliveiras Werken war die Schaffung der geistigen Familie der TFP-Zweige und damit seine Vaterschaft über sie; sie sind die bürgerlichen Vereinigungen einer katholischen Inspiration, die schon allein vom Namen her an das grundlegende Merkmal sozialen Lebens erinnert, die Tradition und zwei gleich grundlegende Einrichtungen derselben: die Familie und den privaten Besitz; diese Organisationen gebrauchen friedliche Methoden, um diese Werte in der öffentlichen Meinung zu fördern und gegen die kulturelle Revolution zu kämpfen, die sie umstoßen möchte.
Die Welt ist doch klein: Die IDIS-Internetseite enthält auch einen Artikel von Introvigne mit dem ausschließlichen Zweck, die "Antisektenbewegung" anzugreifen.

Die "geistige Familie" der TFP ist in 26 Ländern tätig -- Brasilien, Argentinien, Bolivien, Kanada, Chile, Kolumbien, Ecuador, Spanien, Italien, Frankreich, Polen, Deutschland, den Philippinen, Südafrika, Indien, Neuseeland, Australien, Großbritannien, den USA, Peru, Portugal, Paraguay, Uruguay, Costa Rica und Venezuela; doch die "Familie" schließt viele verschiedene örtliche Zweige ein -- zum Beispiel gibt es in Italien neben der T.F.P. selbst die KA und das Centro Lepanto, jede davon mit vielen Untergruppen. Wie schon gesagt ist die KA keine Sekte, und es gelingt ihr daher, gute Beziehungen mit dem zu pflegen, was für andere Gruppen Verräter wären.


Als Ketzerei "mit Flüchen geschlagen" wurde

Im kommenden "Königreich Mariens", das diese eigentümliche Organisation unmittelbar bevorstehend glaubt, gibt es wenig Raum für "professionelle Untersuchungen" dessen, was Introvigne "Neue religiöse Bewegungen" nennt.

Gemäß Plinio muß "die aus der Konterrevolution hervorgegangene Ordnung" für ihre "ständige Sorge leuchten, das Böse bereits im Embryonalstadium und in seinen versteckten Formen zu entdecken und zu bekämpfen, es mit Flüchen schlagen und als schändlich brandmarken, es mit unbeugsamer Strenge bestrafen, insbesondere was jeglichen Versuch gegen die Orthodoxie und die Reinheit der Sitten betrifft; dies alles in Gegnerschaft zur liberalen Metphysik der Revolution und ihrer Tendenz, die Zügel loszulassen und das Böse zu schützen".

Diese Worte stammen aus: Plinio Corrêa de Oliveira, Revolution und Konterrevolution, Seite 126, italienische Ausgabe, annonciert natürlich in Cristianità. Wie Cristianità uns sagt, ist "Revoluçao e Contra-Revoluçao, geschrieben im Jahre 1959, das Grundgesetz der TFP, und es liefert uns die Grundlagen für deren Lehre und Handlungen". (Cristianità, Nov.-Dez. 1995, Seite 5). Zumindest wird im Gegensatz zu Introvigne, als der über "kontroverse Texte" der Neuen Akropolissprach, nicht behauptet, das Buch sei eine "Fälschung" der "Antisektenbewegungen".

In einer von der TFP in Frankreich betriebenen Schule . . .

. . . marschieren vor jeder Messe einige TFP-Kämpfer zum Altar der Kapelle, die Dr. Plinios Buch Revolution und Konterrevolution mit sich führen. Dieselbe Art von Zeremonie wurde auch in Brasilien praktiziert. Dem Buch schritt im allgemeinen ein Kämpfer voran, der einen Kelch auf einem Kissen trug, gefolgt von einem weiteren Kämpfer, der ein anderes Kissen mit einer Dornenkrone trug. (Tradizione Famiglia Proprietà: Associazione cattolica o setta millenarista?, Rimini 1996, Seite 63)
Ganz ähnliche Worte wie die in Cristianità erscheinen in Lepanto (Juni 1991), dem Organ der Schwestergruppe der KA:
Könige und Herrscher müssen sicherstellen, daß jeder das göttliche und evangelische Gesetz befolgen muß []. Die Behörden müssen sicherstellen, daß auch den Gesetzen der Kirche Gehorsam geleistet werden muß []. Das bedeutet, daß die Herrscher in ihren Staaten kein Laster mehr verabscheuen und verfolgen müssen als die Ketzerei []. Da die geistigen Arme der Kirche nicht immer genügen, um dies zu erreichen, müssen die Herrscher der Kirche darin beistehen, diesen Götzen aus dem Tempel Gottes hinauszutreiben und den Kopf und die Hände wie bei einem Drachen abzuschlagen (1. Könige 5:4), damit er nicht mehr sprechen, handeln und die Vorherrschaft ausüben kann.
Eines der Werke Plinios trägt den Titel Adel und ähnliche traditionelle Eliten in den Reden von Pius XII an die römischen Patrizier und den Adel. Dieser Aufsatz wurde natürlich in Cristianità veröffentlicht (in "Genesi, sviluppo e declino della 'nobiltà della terra'" in der Ausgabe der Cristianità vom Mai 1994, Seiten 15 ff., und in folgenden Ausgaben). Dieselbe Maiausgabe enthält auf der Seite 9 auch einen Aufsatz Introvignes, in dem das Opus Dei gegen die "Antisektenbewegung" in Schutz genommen wird, worin sich "oft in Einzelheiten die Verschwörung des Kampfes gegen die Religion in der gegenwärtigen Stunde" offenbart", wie es auf dem Umschlag heißt ("die gegenwärtige Stunde" ist ein Schlagwort von Doktor Plinio).

Das Wort "ähnliche" in Plinios Titel ist auf ein grundlegendes Problem mit Plinios brasilianischem Rittertum zurückzuführen (seine Anhänger nannten sich "Soldatenmönche" -- siehe Tradizione Famiglia Proprietà: Associazione cattolica o setta millenarista?, Rimini 1996, Seite 27): das Fehlen einer echten Aristokratie in einem Land, in dem die Eliten hauptsächlich die Funktion hatten, ihre schwarzen Sklaven Kaffee für das Frühstück der wahren Eliten in der ganzen Welt anbauen zu lassen. Das führt den Meister dazu, stolz zu behaupten, die alte brasilianische Gesellschaft sei eine richtiggehend feudale gewesen.

Giovanni Cantoni, wie wir gesehen haben, der Koautor -- mit Introvigne -- eines Buches gegen die "Antisektenbewegungen", stellte Plinios Aufsatz bei einem internationalen Kongreß in Rom am 30. Oktober 1993 vor: Ein Bild auf Seite 21 zeigt Cantoni, der irgendwie wie Sigmund Freud ausschaut, im Gespräch neben "Seiner kaiserlichen Hoheit", Erzherzog Martin von Österreich. Cantoni zitiert den typischen Ausdruck des Doktors -- wirtschaftliche Unterschiede "ermutigen und oftmals verpflichten die Leute, großzügig, großmütig und bereit zum Teilen zu sein".


Die T.F.P. stößt auf Probleme

Die TFP sieht sich in einen Kampf mit der Linken auf Leben und Tod verwickelt. Sie neigt folglich dazu, jeden Konflikt, in den sie gerät, einfach als gewalttätige Reaktion der "Revolution" gegen ihre heroischen Gegner anzusehen, eine Vorstellung, die Introvigne in die Fiktion der "Antisektenbewegung" übersetzt hat.

Tatsächlich jedoch kommt Gegnerschaft gegen die T.F.P. meistens von Eltern von T.F.P.-Mitgliedern, selbst gewöhnlich katholische Traditionalisten, und von konservativen und traditionalistischen katholischen Lagern.

Dafür gibt es mehrere Gründe. In erster Linie hält sich die TFP außerhalb Lateinamerikas gewöhnlich im Hintergrund oder operiert durch Organisationen im Vordergrund, was die Linke gewöhnlich nicht versteht. Skinheads wenden sich woandershin, wenn sie eine Gruppe wie die TFP finden, deren Schriften schwer zu lesen sind, die im allgemeinen unauffällig ist und die von einem Mann gegründet wurde, der während des Krieges mit den britischen Konservativen sympathisierte (so sehr, daß während des Falkland-Krieges eine pro-britische Haltung eingenommen wurde). Die TFP sah den Faschismus mit seinem optimistischen Staats- und Nationalkult als eine abweichende Form des "revolutionären Sozialismus" an.

Ein weiterer Grund ist, daß die TFP noch weit mehr rechts steht als jede andere Organisation auf dem politisch rechten Flügel. Was immer die Leute tief in ihrem Inneren denken mögen, ich kenne keine andere rechte Organisation, die öffentlich sagt, daß die Reichen besser sind als die Armen. Selbst der extremste katholische Traditionalist macht die moderne Welt für das "internationale Freimaurertum" oder die "Banken-Mafia" verantwortlich, wohingegen die TFP die Schuld ganz offen den rebellischen Armen zuschiebt, denen es das selbstgestrickte "Rechtssein" entgegenhält.

Der dritte Grund hängt mit der Lehre zusammen. Katholische Traditionalisten haben wegen angeblicher Abweichungen in der Lehre Probleme mit der "Amtskirche"; die TFP jedoch ist allein daran interessiert, die Agrarreform zu bekämpfen, und nicht an der Lehre, warum sie auch das 2. Vatikanische Konzil und die Liturgiereform akzeptieren konnte. Schließlich hat der Papst mehr Bataillone, als sie Monsignore Lefèbvre je hatte.

Auch Plinios Leugnung der zukünftigen Rolle der Priester -- und gegenwärtig der Ausschluß aller Priester von den geheimeren Aspekten der Gruppe -- führte Monsignore Castro de Mayer, jahrzehntelang Plinios Gönner unter den brasilianischen Bischöfen, zu der Feststellung:

Die TFP ist eine Ketzersekte, da sie -- allerdings nicht wörtlich oder schriftlich -- nach einem Grundsatz lebt und handelt, der die Grundlage allen wahren Christentums, d.h. der katholischen Kirche, untergräbt. (Tradizione Famiglia Proprietà: Associazione cattolica o setta millenarista?, Rimini 1996, Seite 6)
Das Ausmaß, in dem die TFP in der Lehre abweicht, läßt sich an dem folgenden Dokument sehen. Ich entschuldige mich bei katholischen Lesern dafür, daß ich es anführe, da es sich sehr wie die anzüglicheren Lieder des 19 Jahrhunderts anhört, die Antiklerikale oft sangen, nachdem sie zu tief ins Glas geschaut hatten. Diese "Hymne" meint es jedoch ernst: als eine Parodie auf eine der verehrtesten Hymnen auf die Jungfrau Maria in der katholischen Tradition ist sie Dona Lucilia gewidmet, der Mutter von Plinio Corrêa de Oliveira:

Frau Lucilia, bitte für uns

Mutter des Meisters Doktor Plinio, bitte für uns

Mutter des Doktors der Kirche, bitte für uns

Mutter unseres Vaters, bitte für uns

Mutter des Unaussprechlichen, bitte für uns

Mutter von uns allen, bitte für uns

Mutter der kommenden Jahrhunderte, bitte für uns

Mutter des axiologischen Grundsatzes, bitte für uns

Mutter des Temperamentes der Synthese, bitte für uns

Mutter aller Reinheit, bitte für uns

Mutter der Transsphäre, bitte für uns

Mutter der Ernsthaftigkeit, bitte für uns

Mutter der Konterrevolution, bitte für uns

Wiederherstellerin des Temperamentes, bitte für uns

Quelle des Lichts, bitte für uns

Erzeugerin der Unschuld, bitte für uns

Bewahrerin der Unschuld, bitte für uns

Trösterin des Herrn Doktor Plinio, bitte für uns

Mittlerin der großen Umkehr, bitte für uns

Mittlerin aller Gnaden, bitte für uns

Dämmerung des Königreiches der Maria, bitte für uns

Frau Lucilia des Lächelns, bitte für uns

Frau Lucilia der Blitze, bitte für uns

Schönste Blume von allen, bitte für uns

Unsere Zuflucht, bitte für uns

Unsere Trösterin, bitte für uns

Unsere Helferin in der Bagarre, bitte für uns

Grund unserer Ausdauer, bitte für uns

Gefäß der Logik, bitte für uns

Gefäß der Metaphysik, bitte für uns

Märtyrerin der Einsamkeit, bitte für uns

Königin des gelassenen Leidens, bitte für uns

Königin der Lieblichkeit, bitte für uns

Königin der Gelassenheit, bitte für uns

Frau Lucilia, unsere Mutter und Frau, hilf uns

Frau Lucilia, unsere größte Mittlerin vor der Jungfrau, hilf uns

(Zitiert in Tradizione Famiglia Proprietà: Associazione cattolica o setta millenarista?, Rimini 1996, Seiten 70-71)

Der außergewöhnlichste Anspruch hier ist auch der obskurste, "Mutter des axiologischen Grundsatzes": damit ist ein Grundsatz gemeint, der kein vorhergehendes Prinzip benötigt, mit anderen Worten Gott selbst.

Diese Hymne wurde öffentliches Gut, als sie von Prof. Orlando Fedeli, seit über 30 Jahren Mitglied der TFP, enthüllt wurde, der Mons. Antonio de Castro Mayer um seine Meinung bat, ob man sie als orthodox ansehen könne. Man kann erkennen, wo die Wurzeln von Introvignes Abneigung gegen "Abtrünnige" liegen. Die TFP stritt die Darstellung nicht ab; sie verlagerte nur die Schuld auf übereifrige junge Anhänger, und behauptete, die Hymne sei vollkommen orthodox (Carlo Alberto Agnoli und Paolo Taufer, TFP: la maschera e il volto, Ed. Adveniat, S.Giustina di Rimini, s.d., Seiten 17 ff.). Die Schuld den Jungen zu geben, ist eine althergebrachte Praktik bei bestimmten Arten von Organisationen. Sie behauptete auch, die Hymne werde schon seit langem nicht mehr benutzt. Die gegenwärtige offizielle Version des Themas wird von Roberto de Mattei in seiner Hagiographie von Doktor Plinio angegeben (Roberto de Mattei, Il crociato del secolo XX: Plinio Corrêa de Oliveira, Piemme, Casale Monferrato, 1996, Seite 249):

Es stimmt, daß einige Mitarbeiter der Vereinigung eine Zeitlang eine Litanei mit Anrufungen der Frau Lucilia verwendeten, komponiert von zwei Heranwachsenden Ende 1977. Diese Litanei wurde von Prof. Corrêa de Oliveira verboten, als er davon erfuhr.
Es ist merkwürdig, aber diese Hymne von brasilianischen Heranwachsenden scheint sich über den Ozean verbreitet zu haben, da sie mit Sicherheit in den frühen 80er Jahren in Frankreich verwendet wurde und ein ehemaliges KA-Mitglied mir kürzlich erzählte, daß einige Zweigorganisationen der TFP sie noch Anfang der 90er Jahre in Italien verwendeten. Wenn nichts anderes hilft, wird TFP-Sympathisanten, die diese Hymne entdecken, gesagt, "in Lateinamerika gingen die Uhren eben anders": das war zufällig auch die Lieblingskriegslist in meiner Gruppe, der Neuen Akropolis, die auch aus Lateinamerika kam.

Wenn Plinios Mutter die Jungfrau Lucilia ist, dann muß ihr Nachkomme etwas Besonderes sein. Wie besonders, ist einer außergewöhnlichen Episode zu entnehmen, die man wohl kaum übereifrigen Heranwachsenden zuschieben kann, da sie auf einer Aussage Plinios basiert, wiederholt in vielen seiner Werke, und -- wie gewöhnlich -- voller Stolz in Cristianità erzählt. ("In memoriam: Plinio Corrêa de Oliveira", November-Dezember 1995, Seite 6):

Am 1. Februar 1975 bot er sich angesichts der zunehmenden komplizierter werden Lage in der katholischen Kirche und damit der katholischen Welt während einer Zusammenkunft der brasilianischen TFP selbst als Sühnopfer an. Sechsunddreißig Stunden später wurde er bei einem Autounfall schwer verletzt; die Folgen davon blieben bis zu seinem Tod.
Mehr als ihr politischer Charakter war es dieses in hohem Maße suspekte theologische Wesen der Gruppe, das zu ihrer Verurteilung durch den Rat der brasilianischen Bischöfe führte.
Im Verlaufe der 23. Jahresversammlung nahm der Rat der brasilianischen Bischöfe eine Note bezüglich der "Brasilianischen Gesellschaft für die Verteidigung von Tradition, Familie und Besitz" an, die Katholiken den Rat gab, sich nicht der gerade genannten Gesellschaft anzuschließen []. Ihr esoterischer Charakter, ihr religiöser Fanatismus, der Personenkult um den Gründer und seine Mutter, der Mißbrauch des Namens der Jungfrau Maria [] können von der Kirche absolut nicht gutgeheißen werden. (Osservatore Romano, 7. Juli 1985, Seite 12, Nr. 408, wöchentliche spanische Ausgabe zitiert in Tradizione Famiglia Proprietà: Associazione cattolica o setta millenarista?, Rimini 1996, Titelblatt)
Der Begriff "Sekte" mit seiner doppelten Bedeutung von "abweichendem religiösen Verhalten im Vergleich zu einer institutionellen Religion" und einer "geschlossenen totalitären Gruppe" ist sicher mehrdeutig. Aber diese Verurteilung der TFP offenbart, warum die Organisation gewiß von einigen als "Sekte" im ersteren Sinne des Wortes angesehen wurde, und warum diese Organisation 1985 daher ein besonderes Interesse an dem Thema "Sekte" hatte. Das war genau dann, als auch Introvigne begann, sich mit der Sache zu befassen.

Ehemalige TFP-Mitglieder haben geschrieben, daß Plinio selbst sich dieser Assoziation sehr wohl bewußt war. In bezug auf die Beschuldigung, eine Sekte zu sein, erzählte er ihnen immer wieder:

Das muß nicht als Überraschung kommen; seit ihr der TFP angehört, werdet ihr selbst von Eltern und Freunden behandelt, als gehörtet ihr zu einer Sekte! Es wird schrecklich ja tatsächlich hart sein, treu zu bleiben. (Tradizione Famiglia Proprietà: Associazione cattolica o setta millenarista?, Rimini 1996, Seite 38)

Introvignes Schuld gegenüber Plinio Corrêa de Oliveira

Wir haben bereits gesehen, wie Introvigne in der Vergangenheit nur selten einen Artikel schrieb, ohne aus Plinio Corrêas Revolution und Konterrevolution zu zitieren.

Heute erwähnt er den "Doktor" selten öffentlich. Plinios Einfluß jedoch zeigt sich noch immer in vielerlei Weise. Beispielsweise gibt Introvigne in einer Fußnote in einem Artikel ("Che cos'è il millenarismo", in Sette e religioni, Jan.-März 1991, Seite 40) plötzlich bittere Polemik gegen andere recht orthodoxe katholische Gelehrte von sich, die Zweifel an einem außergewöhnlich fanatischen und wenig bekannten französischen Prediger geäußert hatten, den heiligen Louis Maria Grignion de Montfort (1673-1716). Dieser französische Priester ist ganz zufällig -- wie wir gesehen haben -- der Lieblingsheilige von Plinio, der sein gesamtes Buch Revolution und Konterrevolution auf eine ziemlich zweifelhafte Auslegung seiner apokalyptischen Visionen gründete. Wie Plinio fromm sagt:

Zum Schluß seiner Predigten sammelten die Zuhörer oft anzügliche oder sinnenfreudige Gegenstände und gottlose Bücher ein, häuften sie auf dem Stadtplatz auf und setzten sie in Brand. Während die Feuer brannten, sprach unser rastloser Missionar noch einmal und stiftete sie zur Nüchternheit an. (Aus dem Vorwort zu Revolution und Konterrevolution, zitiert natürlich in Cristianità, November-Dezember 1995, Seite 10)
Ein anderes Beispiel: Obwohl Introvigne im allgemeinen recht deutlich schreibt, werden seine Schriften über die Sonnentempler den meisten Menschen wahrscheinlich unverständlich erscheinen. Abgesehen von der Tatsache, daß er ganz offensichtlich versucht, jede andere Sekte vor Schaden zu bewahren, worüber redet er eigentlich? Etwas über die Tempelritter und die Zweite Revolution (mit Großbuchstaben), die die eigenen Kinder frißt Tatsächlich ist der Text für alle Leser vollkommen verständlich, die auch Plinios Schriften gelesen haben, aber für niemanden sonst. Natürlich gibt es Hunderte von Sekten (und andere ganz unschuldige Gruppen) mit eben derselben Tempelritter-Mythologie und dem homöopathischen Mix wie bei den Sonnentemplern -- erst wenn sie eine schlechte Presse haben, versucht Introvigne zu zeigen, daß sie irgendwie aus der Französischen Revolution hervorgegangen sind.

Dies führt Introvigne dazu, die Sonnentempler wegzuerklären, während er Moon, Scientology und dergleichen bewahren kann:

Die Tragödie der Sonnentempler stellt jetzt -- zusammen mit Elementen des Totschlags, auch in Jonestown gegenwärtig -- den Selbstmord einer anderen Revolution, der Zweiten Revolution, dar, markiert durch einen Relativismus in seiner "reinen" aufklärerischen Form, noch nicht in seiner "reformierten" und aggressiven sozialkommunistischen Form. Beide Tragödien finden auch innerhalb des kulturellen Rahmens der Vierten Revolution statt, und das hilft vielleicht, kleine Gruppen zu jagen, die die Zweite und Dritte Revolution in einer panischen und klösterlichen Weise ausleben. Die unheilvollen Blitze der elektronischen "Freudenfeuer" der Sonnentempler erleuchten so einen "jahrhundertealten" Weg und stellen die Apokalypse dar, nicht der Religion -- und in diesem Falle auch nicht der "Neuen Religionen" -- sondern, in Begriffen, die sowohl großartig wie diabolisch sind, des Relativismus. ("La tragedia del Tempio Solare: il suicidio di una Rivoluzione", in Cristianità, November 1994, Seite 16.)
Wir sehen hier, woher die KA den Begriff "sozialkommunistisch" hat; die Zweite Revolution meint die Aufklärung und die Französische Revolution, die Vierte die neuzeitliche "Dekadenz". Gemäß Introvignes verwickelten Erklärungen war die Sonnentemplergruppe die Schuld Voltaires, Jonestown war die Schuld von Karl Marx.

Waco andererseits war ein "christlicher Holocaust", wie Introvigne einen Artikel in Cristianitàvon Juni-Juli 1993 betitelte.

Introvignes Erklärung zu Jim Jones, einem rechtmäßig ordinierten protestantischen Pastor, der eine typisch amerikanische Sekte gründete, ehe er seine Anhänger in ihr Verderben in Jonestown führte, ist viel einfacher: sie waren Kommunisten, und Kommunisten tun nun einmal so etwas. Introvigne, der behauptet, diese Begebenheit sei die "letztendliche Schlußfolgerung eines marxistischen Weges, der zu seinen logischsten Konsequenzen geführt habe", gewesen, spricht sogar von "sowjetischen Beratern" in Jonestown -- es stellt sich die Frage, ob sie das waren, um die eigenen Genossen zu töten ober um selbst Suizid zu verüben.

Jonestown jedoch war der Selbstmord einer Revolution, die wir -- um die Worte von Plinio Corrêa de Oliveira zu gebrauchen -- die Dritte Revolution nennen können, die sozialkommunistische Revolution. ("La tragedia del Tempio Solare: il suicidio di una Rivoluzione", in Cristianità, November 1994, Seite 16.)
Sein früherer Artikel "Il suicidio della Guyana fra mito e storia" (Cristianità, Nr 162, Oktober 1988) ist typisch für diese Vorgehensweise. Voller bibliographischer Fußnoten, sieht er recht überzeugend aus, bis man seinen eigentlichen Inhalt untersucht.

Sein erster Untertitel ist recht unverblümt: "Die 'Antisektenbewegung' und der Mythos des Selbstmordkultes". Er ist ganz klar mehr daran interessiert, dem persönlichen Feind einen Schlag zu versetzen, als Jonestown zu analysieren.

Zuerst beschreibt er die "Antisektenbewegung" mit denselben Begriffen, die in jedem anderen seiner Werke über Sekten wiederkehren: die Antisektenbewegung glaube, die "Gehirnwäsche bei Sekten" [sic] habe zu dem Massenselbstmord in Guyana geführt. Dann fährt er fort und zeigt, daß die Gruppe von Reverend Jones ja eigentlich aus Kommunisten bestand.

Wahr oder nicht, dies beweist überhaupt nichts. Introvigne ist sich vollkommen darüber im klaren, daß die "Antisektenbewegung", soweit man bei einer solchen gemischten Vielfalt von Organisationen überhaupt von einem kohärenten Vorstellungskreis sprechen kann, glaubt, daß Sekten religiös, kommerziell, therapeutisch oder politisch sein können; daß die Handlungsweise zählt, und nicht das Glaubensbekenntnis. Introvigne ist sich darüber sehr wohl im klaren, da er an anderem Ort diese Vorstellung kritisiert. Tatsächlich schreibt eine führende Sektenkritikerin, Janja Lalich, auf der Grundlage ihrer Erfahrungen in einer marxistisch-feministischen Gruppe. Die Frage, die Sektenkritiker zu Jonestown stellen, ist jedoch eine völlig andere: Kann ein geschlossene Gruppe, was auch immer ihre Ideologie ist, eine solche konditionierende Atmosphäre schaffen, die dann ihre Anhänger dazu führt, Massenselbstmord zu begehen, oder war der Massenselbstmord einfach die Summe von nahezu tausend gleichzeitig getroffenen freien Entscheidungen von Männern, Frauen und Kindern?

Introvignes Schlußfolgerung ist keine Antwort auf diese entscheidende Frage:

Der Fehler, den die Antisektenbewegung im Jahre 1978 vielleicht noch unfreiwillig beging, wird 1988 zu einem vorsätzlich begangenen Fehler -- nach zehn Jahren der Forschung und durch ganze Bibliotheken von Dokumenten für jeden bewiesen, der nachschauen will --, daß die Sonnentempler keine religiöse Gruppe waren, sondern eine sozialkommunistische Bewegung. ("Il suicidio della Guyana fra mito e storia", in Cristianità, Nr. 162, Oktober 1988, Seite 11)

Die Katholische Allianz erkennt ihre Schuld gegenüber Dr. Plinio an

Die KA ist stolz darauf, Plinios Schriften in ihrer Zeitschrift zu veröffentlichen:
Seine Schriften wurden oft im Ausland wiederveröffentlicht, insbesondere in den Zeitschriften der verschiedenen TFP-Zweige. In Italien erscheinen sie in der Monatsschrift Cristianità, dem offiziellen Organ der Katholischen Allianz, und in Quaderni di Cristianità, herausgegeben alle vier Monate. (In memoriam: Plinio Corrêa de Oliveira, Cristianità, Nov.-Dez. 1995, Seite 6)
Hier ist die vollständige Aussage über die Beziehung, wie sie in dem offiziellen KA-Organ erscheint:
Die Katholische Allianz, weder gegründet noch geleitet von Plinio Corrêa de Oliveira, befaßt sich in den Ausgaben, in denen dieses Thema behandelt wird, mit dem konterrevolutionären Magisterium, über das er sich zeit seines Lebens auf Erden äußerte [...]. Aus dem Testament des brasilianischen Meisters geht hervor, daß die Katholische Allianz allen Grund hat, wirkungsvollere Hilfe aus seinem ewigen Leben am Ende des Jahrhunderts, das auch das Ende eines Jahrtausends ist, zu erlangen -- im Hinblick auf ein neues Jahrhundert, das auch ein neues Jahrtausend ist. Schließlich hat sie mit ihm den tiefempfundenen Glauben gemein, daß das neue Jahrhundert und das neue Jahrtausend nur ein christliches Jahrhundert und Jahrtausend sein können, ein Jahrhundert und Jahrtausend der Maria; es hat auch die Hoffnung mit ihm gemein, genährt durch die Verheißungen von Fatima -- "Am Ende wird mein unbeflecktes Herz triumphieren" --, auf eine große und bedeutsame Bekehrung und damit auf eine Wiederherstellung der Christenheit ("In memoriam", Cristianità, Nr. 247-248, Nov.-Dez. 1995, Seite 7)
Der verwickelte Bezug auf das "Jahrtausend" offenbart in korrekter Kirchensprache Plinios Phantasien über das kommende Mittelalter.

Die Internet-Seiten von IDIS (dem eher politischen Ableger der KA) enthalten eine Seite, geschrieben von Giovanni Cantoni, dem "Regenten" der KA, gewidmet "Plinio Corrêa de Oliveira (1908-1995): ein Leben für Kirche und christliche Zivilisation":

Hervorstechend unter Corrêa de Oliveiras Werken war die Schaffung der geistigen Familie der TFP-Zweige und damit seine Vaterschaft über sie; sie sind die bürgerlichen Vereinigungen einer katholischen Inspiration, die schon allein vom Namen her an das grundlegende Merkmal sozialen Lebens erinnert, die Tradition und zwei gleich grundlegende Einrichtungen derselben: die Familie und den privaten Besitz; diese Organisationen gebrauchen friedliche Methoden, um diese Werte in der öffentlichen Meinung zu fördern und gegen die kulturelle Revolution zu kämpfen, die sie umstoßen möchte.
Die Welt ist doch klein: Die IDIS-Internetseite enthält auch einen Artikel von Introvigne mit dem ausschließlichen Zweck, die "Antisektenbewegung" anzugreifen.

Die "geistige Familie" der TFP ist in 26 Ländern tätig -- Brasilien, Argentinien, Bolivien, Kanada, Chile, Kolumbien, Ecuador, Spanien, Italien, Frankreich, Polen, Deutschland, den Philippinen, Südafrika, Indien, Neuseeland, Australien, Großbritannien, den USA, Peru, Portugal, Paraguay, Uruguay, Costa Rica und Venezuela; doch die "Familie" schließt viele verschiedene örtliche Zweige ein -- zum Beispiel gibt es in Italien neben der T.F.P. selbst die KA und das Centro Lepanto, jede davon mit vielen Untergruppen. Wie schon gesagt ist die KA keine Sekte, und es gelingt ihr daher, gute Beziehungen mit dem zu pflegen, was für andere Gruppen Verräter wären.


Als Ketzerei "mit Flüchen geschlagen" wurde

Im kommenden "Königreich Mariens", das diese eigentümliche Organisation unmittelbar bevorstehend glaubt, gibt es wenig Raum für "professionelle Untersuchungen" dessen, was Introvigne "Neue religiöse Bewegungen" nennt.

Gemäß Plinio muß "die aus der Konterrevolution hervorgegangene Ordnung" für ihre "ständige Sorge leuchten, das Böse bereits im Embryonalstadium und in seinen versteckten Formen zu entdecken und zu bekämpfen, es mit Flüchen schlagen und als schändlich brandmarken, es mit unbeugsamer Strenge bestrafen, insbesondere was jeglichen Versuch gegen die Orthodoxie und die Reinheit der Sitten betrifft; dies alles in Gegnerschaft zur liberalen Metphysik der Revolution und ihrer Tendenz, die Zügel loszulassen und das Böse zu schützen".

Diese Worte stammen aus: Plinio Corrêa de Oliveira, Revolution und Konterrevolution, Seite 126, italienische Ausgabe, annonciert natürlich in Cristianità. Wie Cristianità uns sagt, ist "Revoluçao e Contra-Revoluçao, geschrieben im Jahre 1959, das Grundgesetz der TFP, und es liefert uns die Grundlagen für deren Lehre und Handlungen". (Cristianità, Nov.-Dez. 1995, Seite 5). Zumindest wird im Gegensatz zu Introvigne, als der über "kontroverse Texte" der Neuen Akropolissprach, nicht behauptet, das Buch sei eine "Fälschung" der "Antisektenbewegungen".

In einer von der TFP in Frankreich betriebenen Schule . . .

. . . marschieren vor jeder Messe einige TFP-Kämpfer zum Altar der Kapelle, die Dr. Plinios Buch Revolution und Konterrevolution mit sich führen. Dieselbe Art von Zeremonie wurde auch in Brasilien praktiziert. Dem Buch schritt im allgemeinen ein Kämpfer voran, der einen Kelch auf einem Kissen trug, gefolgt von einem weiteren Kämpfer, der ein anderes Kissen mit einer Dornenkrone trug. (Tradizione Famiglia Proprietà: Associazione cattolica o setta millenarista?, Rimini 1996, Seite 63)
Ganz ähnliche Worte wie die in Cristianità erscheinen in Lepanto (Juni 1991), dem Organ der Schwestergruppe der KA:
Könige und Herrscher müssen sicherstellen, daß jeder das göttliche und evangelische Gesetz befolgen muß []. Die Behörden müssen sicherstellen, daß auch den Gesetzen der Kirche Gehorsam geleistet werden muß []. Das bedeutet, daß die Herrscher in ihren Staaten kein Laster mehr verabscheuen und verfolgen müssen als die Ketzerei []. Da die geistigen Arme der Kirche nicht immer genügen, um dies zu erreichen, müssen die Herrscher der Kirche darin beistehen, diesen Götzen aus dem Tempel Gottes hinauszutreiben und den Kopf und die Hände wie bei einem Drachen abzuschlagen (1. Könige 5:4), damit er nicht mehr sprechen, handeln und die Vorherrschaft ausüben kann.
Eines der Werke Plinios trägt den Titel Adel und ähnliche traditionelle Eliten in den Reden von Pius XII an die römischen Patrizier und den Adel. Dieser Aufsatz wurde natürlich in Cristianità veröffentlicht (in "Genesi, sviluppo e declino della 'nobiltà della terra'" in der Ausgabe der Cristianità vom Mai 1994, Seiten 15 ff., und in folgenden Ausgaben). Dieselbe Maiausgabe enthält auf der Seite 9 auch einen Aufsatz Introvignes, in dem das Opus Dei gegen die "Antisektenbewegung" in Schutz genommen wird, worin sich "oft in Einzelheiten die Verschwörung des Kampfes gegen die Religion in der gegenwärtigen Stunde" offenbart", wie es auf dem Umschlag heißt ("die gegenwärtige Stunde" ist ein Schlagwort von Doktor Plinio).

Das Wort "ähnliche" in Plinios Titel ist auf ein grundlegendes Problem mit Plinios brasilianischem Rittertum zurückzuführen (seine Anhänger nannten sich "Soldatenmönche" -- siehe Tradizione Famiglia Proprietà: Associazione cattolica o setta millenarista?, Rimini 1996, Seite 27): das Fehlen einer echten Aristokratie in einem Land, in dem die Eliten hauptsächlich die Funktion hatten, ihre schwarzen Sklaven Kaffee für das Frühstück der wahren Eliten in der ganzen Welt anbauen zu lassen. Das führt den Meister dazu, stolz zu behaupten, die alte brasilianische Gesellschaft sei eine richtiggehend feudale gewesen.

Giovanni Cantoni, wie wir gesehen haben, der Koautor -- mit Introvigne -- eines Buches gegen die "Antisektenbewegungen", stellte Plinios Aufsatz bei einem internationalen Kongreß in Rom am 30. Oktober 1993 vor: Ein Bild auf Seite 21 zeigt Cantoni, der irgendwie wie Sigmund Freud ausschaut, im Gespräch neben "Seiner kaiserlichen Hoheit", Erzherzog Martin von Österreich. Cantoni zitiert den typischen Ausdruck des Doktors -- wirtschaftliche Unterschiede "ermutigen und oftmals verpflichten die Leute, großzügig, großmütig und bereit zum Teilen zu sein".


Die T.F.P. stößt auf Probleme

Die TFP sieht sich in einen Kampf mit der Linken auf Leben und Tod verwickelt. Sie neigt folglich dazu, jeden Konflikt, in den sie gerät, einfach als gewalttätige Reaktion der "Revolution" gegen ihre heroischen Gegner anzusehen, eine Vorstellung, die Introvigne in die Fiktion der "Antisektenbewegung" übersetzt hat.

Tatsächlich jedoch kommt Gegnerschaft gegen die T.F.P. meistens von Eltern von T.F.P.-Mitgliedern, selbst gewöhnlich katholische Traditionalisten, und von konservativen und traditionalistischen katholischen Lagern.

Dafür gibt es mehrere Gründe. In erster Linie hält sich die TFP außerhalb Lateinamerikas gewöhnlich im Hintergrund oder operiert durch Organisationen im Vordergrund, was die Linke gewöhnlich nicht versteht. Skinheads wenden sich woandershin, wenn sie eine Gruppe wie die TFP finden, deren Schriften schwer zu lesen sind, die im allgemeinen unauffällig ist und die von einem Mann gegründet wurde, der während des Krieges mit den britischen Konservativen sympathisierte (so sehr, daß während des Falkland-Krieges eine pro-britische Haltung eingenommen wurde). Die TFP sah den Faschismus mit seinem optimistischen Staats- und Nationalkult als eine abweichende Form des "revolutionären Sozialismus" an.

Ein weiterer Grund ist, daß die TFP noch weit mehr rechts steht als jede andere Organisation auf dem politisch rechten Flügel. Was immer die Leute tief in ihrem Inneren denken mögen, ich kenne keine andere rechte Organisation, die öffentlich sagt, daß die Reichen besser sind als die Armen. Selbst der extremste katholische Traditionalist macht die moderne Welt für das "internationale Freimaurertum" oder die "Banken-Mafia" verantwortlich, wohingegen die TFP die Schuld ganz offen den rebellischen Armen zuschiebt, denen es das selbstgestrickte "Rechtssein" entgegenhält.

Der dritte Grund hängt mit der Lehre zusammen. Katholische Traditionalisten haben wegen angeblicher Abweichungen in der Lehre Probleme mit der "Amtskirche"; die TFP jedoch ist allein daran interessiert, die Agrarreform zu bekämpfen, und nicht an der Lehre, warum sie auch das 2. Vatikanische Konzil und die Liturgiereform akzeptieren konnte. Schließlich hat der Papst mehr Bataillone, als sie Monsignore Lefèbvre je hatte.

Auch Plinios Leugnung der zukünftigen Rolle der Priester -- und gegenwärtig der Ausschluß aller Priester von den geheimeren Aspekten der Gruppe -- führte Monsignore Castro de Mayer, jahrzehntelang Plinios Gönner unter den brasilianischen Bischöfen, zu der Feststellung:

Die TFP ist eine Ketzersekte, da sie -- allerdings nicht wörtlich oder schriftlich -- nach einem Grundsatz lebt und handelt, der die Grundlage allen wahren Christentums, d.h. der katholischen Kirche, untergräbt. (Tradizione Famiglia Proprietà: Associazione cattolica o setta millenarista?, Rimini 1996, Seite 6)
Das Ausmaß, in dem die TFP in der Lehre abweicht, läßt sich an dem folgenden Dokument sehen. Ich entschuldige mich bei katholischen Lesern dafür, daß ich es anführe, da es sich sehr wie die anzüglicheren Lieder des 19 Jahrhunderts anhört, die Antiklerikale oft sangen, nachdem sie zu tief ins Glas geschaut hatten. Diese "Hymne" meint es jedoch ernst: als eine Parodie auf eine der verehrtesten Hymnen auf die Jungfrau Maria in der katholischen Tradition ist sie Dona Lucilia gewidmet, der Mutter von Plinio Corrêa de Oliveira:

Frau Lucilia, bitte für uns

Mutter des Meisters Doktor Plinio, bitte für uns

Mutter des Doktors der Kirche, bitte für uns

Mutter unseres Vaters, bitte für uns

Mutter des Unaussprechlichen, bitte für uns

Mutter von uns allen, bitte für uns

Mutter der kommenden Jahrhunderte, bitte für uns

Mutter des axiologischen Grundsatzes, bitte für uns

Mutter des Temperamentes der Synthese, bitte für uns

Mutter aller Reinheit, bitte für uns

Mutter der Transsphäre, bitte für uns

Mutter der Ernsthaftigkeit, bitte für uns

Mutter der Konterrevolution, bitte für uns

Wiederherstellerin des Temperamentes, bitte für uns

Quelle des Lichts, bitte für uns

Erzeugerin der Unschuld, bitte für uns

Bewahrerin der Unschuld, bitte für uns

Trösterin des Herrn Doktor Plinio, bitte für uns

Mittlerin der großen Umkehr, bitte für uns

Mittlerin aller Gnaden, bitte für uns

Dämmerung des Königreiches der Maria, bitte für uns

Frau Lucilia des Lächelns, bitte für uns

Frau Lucilia der Blitze, bitte für uns

Schönste Blume von allen, bitte für uns

Unsere Zuflucht, bitte für uns

Unsere Trösterin, bitte für uns

Unsere Helferin in der Bagarre, bitte für uns

Grund unserer Ausdauer, bitte für uns

Gefäß der Logik, bitte für uns

Gefäß der Metaphysik, bitte für uns

Märtyrerin der Einsamkeit, bitte für uns

Königin des gelassenen Leidens, bitte für uns

Königin der Lieblichkeit, bitte für uns

Königin der Gelassenheit, bitte für uns

Frau Lucilia, unsere Mutter und Frau, hilf uns

Frau Lucilia, unsere größte Mittlerin vor der Jungfrau, hilf uns

(Zitiert in Tradizione Famiglia Proprietà: Associazione cattolica o setta millenarista?, Rimini 1996, Seiten 70-71)

Der außergewöhnlichste Anspruch hier ist auch der obskurste, "Mutter des axiologischen Grundsatzes": damit ist ein Grundsatz gemeint, der kein vorhergehendes Prinzip benötigt, mit anderen Worten Gott selbst.

Diese Hymne wurde öffentliches Gut, als sie von Prof. Orlando Fedeli, seit über 30 Jahren Mitglied der TFP, enthüllt wurde, der Mons. Antonio de Castro Mayer um seine Meinung bat, ob man sie als orthodox ansehen könne. Man kann erkennen, wo die Wurzeln von Introvignes Abneigung gegen "Abtrünnige" liegen. Die TFP stritt die Darstellung nicht ab; sie verlagerte nur die Schuld auf übereifrige junge Anhänger, und behauptete, die Hymne sei vollkommen orthodox (Carlo Alberto Agnoli und Paolo Taufer, TFP: la maschera e il volto, Ed. Adveniat, S.Giustina di Rimini, s.d., Seiten 17 ff.). Die Schuld den Jungen zu geben, ist eine althergebrachte Praktik bei bestimmten Arten von Organisationen. Sie behauptete auch, die Hymne werde schon seit langem nicht mehr benutzt. Die gegenwärtige offizielle Version des Themas wird von Roberto de Mattei in seiner Hagiographie von Doktor Plinio angegeben (Roberto de Mattei, Il crociato del secolo XX: Plinio Corrêa de Oliveira, Piemme, Casale Monferrato, 1996, Seite 249):

Es stimmt, daß einige Mitarbeiter der Vereinigung eine Zeitlang eine Litanei mit Anrufungen der Frau Lucilia verwendeten, komponiert von zwei Heranwachsenden Ende 1977. Diese Litanei wurde von Prof. Corrêa de Oliveira verboten, als er davon erfuhr.
Es ist merkwürdig, aber diese Hymne von brasilianischen Heranwachsenden scheint sich über den Ozean verbreitet zu haben, da sie mit Sicherheit in den frühen 80er Jahren in Frankreich verwendet wurde und ein ehemaliges KA-Mitglied mir kürzlich erzählte, daß einige Zweigorganisationen der TFP sie noch Anfang der 90er Jahre in Italien verwendeten. Wenn nichts anderes hilft, wird TFP-Sympathisanten, die diese Hymne entdecken, gesagt, "in Lateinamerika gingen die Uhren eben anders": das war zufällig auch die Lieblingskriegslist in meiner Gruppe, der Neuen Akropolis, die auch aus Lateinamerika kam.

Wenn Plinios Mutter die Jungfrau Lucilia ist, dann muß ihr Nachkomme etwas Besonderes sein. Wie besonders, ist einer außergewöhnlichen Episode zu entnehmen, die man wohl kaum übereifrigen Heranwachsenden zuschieben kann, da sie auf einer Aussage Plinios basiert, wiederholt in vielen seiner Werke, und -- wie gewöhnlich -- voller Stolz in Cristianità erzählt. ("In memoriam: Plinio Corrêa de Oliveira", November-Dezember 1995, Seite 6):

Am 1. Februar 1975 bot er sich angesichts der zunehmenden komplizierter werden Lage in der katholischen Kirche und damit der katholischen Welt während einer Zusammenkunft der brasilianischen TFP selbst als Sühnopfer an. Sechsunddreißig Stunden später wurde er bei einem Autounfall schwer verletzt; die Folgen davon blieben bis zu seinem Tod.
Mehr als ihr politischer Charakter war es dieses in hohem Maße suspekte theologische Wesen der Gruppe, das zu ihrer Verurteilung durch den Rat der brasilianischen Bischöfe führte.
Im Verlaufe der 23. Jahresversammlung nahm der Rat der brasilianischen Bischöfe eine Note bezüglich der "Brasilianischen Gesellschaft für die Verteidigung von Tradition, Familie und Besitz" an, die Katholiken den Rat gab, sich nicht der gerade genannten Gesellschaft anzuschließen []. Ihr esoterischer Charakter, ihr religiöser Fanatismus, der Personenkult um den Gründer und seine Mutter, der Mißbrauch des Namens der Jungfrau Maria [] können von der Kirche absolut nicht gutgeheißen werden. (Osservatore Romano, 7. Juli 1985, Seite 12, Nr. 408, wöchentliche spanische Ausgabe zitiert in Tradizione Famiglia Proprietà: Associazione cattolica o setta millenarista?, Rimini 1996, Titelblatt)
Der Begriff "Sekte" mit seiner doppelten Bedeutung von "abweichendem religiösen Verhalten im Vergleich zu einer institutionellen Religion" und einer "geschlossenen totalitären Gruppe" ist sicher mehrdeutig. Aber diese Verurteilung der TFP offenbart, warum die Organisation gewiß von einigen als "Sekte" im ersteren Sinne des Wortes angesehen wurde, und warum diese Organisation 1985 daher ein besonderes Interesse an dem Thema "Sekte" hatte. Das war genau dann, als auch Introvigne begann, sich mit der Sache zu befassen.

Ehemalige TFP-Mitglieder haben geschrieben, daß Plinio selbst sich dieser Assoziation sehr wohl bewußt war. In bezug auf die Beschuldigung, eine Sekte zu sein, erzählte er ihnen immer wieder:

Das muß nicht als Überraschung kommen; seit ihr der TFP angehört, werdet ihr selbst von Eltern und Freunden behandelt, als gehörtet ihr zu einer Sekte! Es wird schrecklich ja tatsächlich hart sein, treu zu bleiben. (Tradizione Famiglia Proprietà: Associazione cattolica o setta millenarista?, Rimini 1996, Seite 38)

Introvignes Schuld gegenüber Plinio Corrêa de Oliveira

Wir haben bereits gesehen, wie Introvigne in der Vergangenheit nur selten einen Artikel schrieb, ohne aus Plinio Corrêas Revolution und Konterrevolution zu zitieren.

Heute erwähnt er den "Doktor" selten öffentlich. Plinios Einfluß jedoch zeigt sich noch immer in vielerlei Weise. Beispielsweise gibt Introvigne in einer Fußnote in einem Artikel ("Che cos'è il millenarismo", in Sette e religioni, Jan.-März 1991, Seite 40) plötzlich bittere Polemik gegen andere recht orthodoxe katholische Gelehrte von sich, die Zweifel an einem außergewöhnlich fanatischen und wenig bekannten französischen Prediger geäußert hatten, den heiligen Louis Maria Grignion de Montfort (1673-1716). Dieser französische Priester ist ganz zufällig -- wie wir gesehen haben -- der Lieblingsheilige von Plinio, der sein gesamtes Buch Revolution und Konterrevolution auf eine ziemlich zweifelhafte Auslegung seiner apokalyptischen Visionen gründete. Wie Plinio fromm sagt:

Zum Schluß seiner Predigten sammelten die Zuhörer oft anzügliche oder sinnenfreudige Gegenstände und gottlose Bücher ein, häuften sie auf dem Stadtplatz auf und setzten sie in Brand. Während die Feuer brannten, sprach unser rastloser Missionar noch einmal und stiftete sie zur Nüchternheit an. (Aus dem Vorwort zu Revolution und Konterrevolution, zitiert natürlich in Cristianità, November-Dezember 1995, Seite 10)
Ein anderes Beispiel: Obwohl Introvigne im allgemeinen recht deutlich schreibt, werden seine Schriften über die Sonnentempler den meisten Menschen wahrscheinlich unverständlich erscheinen. Abgesehen von der Tatsache, daß er ganz offensichtlich versucht, jede andere Sekte vor Schaden zu bewahren, worüber redet er eigentlich? Etwas über die Tempelritter und die Zweite Revolution (mit Großbuchstaben), die die eigenen Kinder frißt Tatsächlich ist der Text für alle Leser vollkommen verständlich, die auch Plinios Schriften gelesen haben, aber für niemanden sonst. Natürlich gibt es Hunderte von Sekten (und andere ganz unschuldige Gruppen) mit eben derselben Tempelritter-Mythologie und dem homöopathischen Mix wie bei den Sonnentemplern -- erst wenn sie eine schlechte Presse haben, versucht Introvigne zu zeigen, daß sie irgendwie aus der Französischen Revolution hervorgegangen sind.

Dies führt Introvigne dazu, die Sonnentempler wegzuerklären, während er Moon, Scientology und dergleichen bewahren kann:

Die Tragödie der Sonnentempler stellt jetzt -- zusammen mit Elementen des Totschlags, auch in Jonestown gegenwärtig -- den Selbstmord einer anderen Revolution, der Zweiten Revolution, dar, markiert durch einen Relativismus in seiner "reinen" aufklärerischen Form, noch nicht in seiner "reformierten" und aggressiven sozialkommunistischen Form. Beide Tragödien finden auch innerhalb des kulturellen Rahmens der Vierten Revolution statt, und das hilft vielleicht, kleine Gruppen zu jagen, die die Zweite und Dritte Revolution in einer panischen und klösterlichen Weise ausleben. Die unheilvollen Blitze der elektronischen "Freudenfeuer" der Sonnentempler erleuchten so einen "jahrhundertealten" Weg und stellen die Apokalypse dar, nicht der Religion -- und in diesem Falle auch nicht der "Neuen Religionen" -- sondern, in Begriffen, die sowohl großartig wie diabolisch sind, des Relativismus. ("La tragedia del Tempio Solare: il suicidio di una Rivoluzione", in Cristianità, November 1994, Seite 16.)
Wir sehen hier, woher die KA den Begriff "sozialkommunistisch" hat; die Zweite Revolution meint die Aufklärung und die Französische Revolution, die Vierte die neuzeitliche "Dekadenz". Gemäß Introvignes verwickelten Erklärungen war die Sonnentemplergruppe die Schuld Voltaires, Jonestown war die Schuld von Karl Marx.

Waco andererseits war ein "christlicher Holocaust", wie Introvigne einen Artikel in Cristianitàvon Juni-Juli 1993 betitelte.

Introvignes Erklärung zu Jim Jones, einem rechtmäßig ordinierten protestantischen Pastor, der eine typisch amerikanische Sekte gründete, ehe er seine Anhänger in ihr Verderben in Jonestown führte, ist viel einfacher: sie waren Kommunisten, und Kommunisten tun nun einmal so etwas. Introvigne, der behauptet, diese Begebenheit sei die "letztendliche Schlußfolgerung eines marxistischen Weges, der zu seinen logischsten Konsequenzen geführt habe", gewesen, spricht sogar von "sowjetischen Beratern" in Jonestown -- es stellt sich die Frage, ob sie das waren, um die eigenen Genossen zu töten ober um selbst Suizid zu verüben.

Jonestown jedoch war der Selbstmord einer Revolution, die wir -- um die Worte von Plinio Corrêa de Oliveira zu gebrauchen -- die Dritte Revolution nennen können, die sozialkommunistische Revolution. ("La tragedia del Tempio Solare: il suicidio di una Rivoluzione", in Cristianità, November 1994, Seite 16.)
Sein früherer Artikel "Il suicidio della Guyana fra mito e storia" (Cristianità, Nr 162, Oktober 1988) ist typisch für diese Vorgehensweise. Voller bibliographischer Fußnoten, sieht er recht überzeugend aus, bis man seinen eigentlichen Inhalt untersucht.

Sein erster Untertitel ist recht unverblümt: "Die 'Antisektenbewegung' und der Mythos des Selbstmordkultes". Er ist ganz klar mehr daran interessiert, dem persönlichen Feind einen Schlag zu versetzen, als Jonestown zu analysieren.

Zuerst beschreibt er die "Antisektenbewegung" mit denselben Begriffen, die in jedem anderen seiner Werke über Sekten wiederkehren: die Antisektenbewegung glaube, die "Gehirnwäsche bei Sekten" [sic] habe zu dem Massenselbstmord in Guyana geführt. Dann fährt er fort und zeigt, daß die Gruppe von Reverend Jones ja eigentlich aus Kommunisten bestand.

Wahr oder nicht, dies beweist überhaupt nichts. Introvigne ist sich vollkommen darüber im klaren, daß die "Antisektenbewegung", soweit man bei einer solchen gemischten Vielfalt von Organisationen überhaupt von einem kohärenten Vorstellungskreis sprechen kann, glaubt, daß Sekten religiös, kommerziell, therapeutisch oder politisch sein können; daß die Handlungsweise zählt, und nicht das Glaubensbekenntnis. Introvigne ist sich darüber sehr wohl im klaren, da er an anderem Ort diese Vorstellung kritisiert. Tatsächlich schreibt eine führende Sektenkritikerin, Janja Lalich, auf der Grundlage ihrer Erfahrungen in einer marxistisch-feministischen Gruppe. Die Frage, die Sektenkritiker zu Jonestown stellen, ist jedoch eine völlig andere: Kann ein geschlossene Gruppe, was auch immer ihre Ideologie ist, eine solche konditionierende Atmosphäre schaffen, die dann ihre Anhänger dazu führt, Massenselbstmord zu begehen, oder war der Massenselbstmord einfach die Summe von nahezu tausend gleichzeitig getroffenen freien Entscheidungen von Männern, Frauen und Kindern?

Introvignes Schlußfolgerung ist keine Antwort auf diese entscheidende Frage:

Der Fehler, den die Antisektenbewegung im Jahre 1978 vielleicht noch unfreiwillig beging, wird 1988 zu einem vorsätzlich begangenen Fehler -- nach zehn Jahren der Forschung und durch ganze Bibliotheken von Dokumenten für jeden bewiesen, der nachschauen will --, daß die Sonnentempler keine religiöse Gruppe waren, sondern eine sozialkommunistische Bewegung. ("Il suicidio della Guyana fra mito e storia", in Cristianità, Nr. 162, Oktober 1988, Seite 11)

Wie erst die Inquisition und dann Sekten entschuldigt werden

In Anbetracht der Vorliebe Plinios für die Inquisition mag es überraschend erscheinen, daß Introvigne ein Manifest zur Verteidigung von Scientology unterzeichnete, statt die multinationale US-Gruppe mit dem "Zeichen der Schändlichkeit" zu brandmarken ("Schändlichkeit" ist im kanonischen Recht auch eines der Merkmale für "Abtrünnige"): Im August 1996 gab die internationale Konferenz von CESNUR ein Statement heraus, in dem die Versuche Deutschlands, sich die Operationen des Konzerns einmal näher anzusehen, als "Zeichen von extrem gefährlichem Fanatismus" und als "Haßkampagne" bezeichnet wurden. Es ist kaum überraschend, daß der CESNUR-Appell jede Nennung der Gründe vermied, warum Scientology in Deutschland Probleme hatte: Nach dem ehemaligen Scientology-Führer Gunther Träger wurden Mieter aus ihren Wohnungen geworfen, die Wohnungen wurden von der Organisation aufgekauft und zum Verkauf bereitgestellt. Keiner dieser Gründe hatte auch nur im Entferntesten etwas mit "religiösem Fanatismus" zu tun. "Haß" ist natürlich das typische leere Schlagwort der "politisch Korrekten", um die Beweggründe ihrer Kritiker zu beschreiben; es ist im Grunde genommen bedeutungslos.

Der CESNUR-Appell bedeutet auch, daß diese angeblich gelehrte Organisation sich die lächerliche Gleichsetzung der Maßnahmen in Deutschland mit "religiöser Verfolgung" und/oder der "Wiederkehr der Nazis" durch die PR-Abteilung von Scientology zu eigen macht. Was auch immer der Fehler Deutschland ist, "religiöser Fanatismus" in diesem Land hörte im Jahre 1648 auf, am Ende des Dreißigjährigen Krieges, langer bevor damit in irgendeinem anderen Land Schluß war: Die Juden wurden von Hitler wegen pseudoökonomischer und pseudorassistischer Gründe verfolgt, nicht, weil sie nicht an die Dreieinigkeit glaubten, und katholische und protestantische Nazis übten vereint Druck auf protestantische Holländer und katholische Polen aus. Doch Introvigne ist sich sicher dessen bewußt -- oder sollte es sein --, daß der Grund, warum der deutsche Staat Scientology mit einiger Besorgnis betrachtet, darin liegt, daß nahezu alle Deutsche heute glauben, daß jede totalitäre Organisation im Keim erstickt werden sollte: Scientology hat dieselben Probleme und dieselben Feinde wie die Neonazis, und aus denselben Gründen. Obwohl in Deutschland noch nie ein Gesetz gegen Scientology angewendet worden ist, schlagen Scientology-Kritiker vor, die Organisation sollte den sehr strengen Gesetzen unterworfen werden, die in Deutschland zur Verteidigung der Demokratie vor dem leisesten Verdacht auf eine totalitäre Organisation bestehen. Die Vorstellung, keine Scientologen in sensiblen Behördenstellen arbeiten zu haben, gründet sich auf das berühmte "Berufsverbot", aufgrund dessen Tausende von Lehrern und anderen Beamten, die verdächtigt werden, Neonazis oder Kommunisten zu sein (das letztere eine Ideologie, die in Deutschlang eng mit dem ehemals totalitären Osten in Verbindung gebracht wird), ihre Arbeitsstellen verloren haben. Introvigne mag einer solchen antitotalitären Gesetzgebung feindlich gegenüberstehen, aber wenn er es tut, warum sagt er es dann nicht?

Introvignes Liberalismus gilt jedoch nur gegenüber Scientology. Die KA wägt ihre Worte heute sorgfältig ab, wenn auch nicht die Bedeutung dahinter; doch die TFP-Gefährten in Italien haben lautstarke Kampagnen gegen ausländische Einwanderer gestartet; sie griffen sogar nicht-politische Forschungen über das präkolumbische Amerika an und versuchten, eine seichte Komödie in einem Gemeindesaal zu stoppen, in der freundliche Witze über Priester gemacht wurden. Andere Höhepunkte sind: die ausdrückliche Verteidigung des europäischen Kolonialismus und Angriffe gegen den Islam (um den Jahrestag der Kreuzzüge zu begehen, widmete die Zeitschrift der KA Ausgabe für Ausgabe ihr Titelblatt Episoden aus den Kreuzzügen). Und was Introvignes Lieblingsthema, religiöse Toleranz, angeht, so veröffentlichte Cristianità (Januar-Februar 1993, Seiten 5 ff.) ein langes Interview mit einem argentinischen Professor, der über die Zwangsbekehrungen der amerikanischen Ureinwohner folgendes zu sagen hatte:

Die präkolumbische Welt hatte zwar eine dunkle Ahnung von dem unbekannten Gott und eine rätselhafte Erwartung von etwas, das kommen würde, aber sie war gekennzeichnet durch Korruption, Magie und Götzendienst. Mit der Ankunft der Missionare wurde diese Situation durch Entmythologisierung zuerst bereinigt, dann durch Bekehrung umgewandelt in eine "neue Welt", die durch Christus erlöst und von der Sklaverei der Sünde befreit wurde.
Nichts wird über andere Formen der Sklaverei gesagt. Die Ausgabe von März 1992 bildet diesen Titel an hervorspringender Stelle ab: "Christopher Kolumbus, Genueser Admiral und 'Verteidiger des Glaubens'". Der umstrittenen spanischen Königin Isabella ist ein weiterer Titel gewidmet: "Die Dienerin Gottes: Isabella die Katholische, Vorbild für eine neue Evangelisation". (Cristianità, April 1992). Es wird uns gesagt, daß diese Frau, die vielleicht ein Vorbild für die Evangelisation, aber nicht für religiöse Freiheit ist, "eine der außerordentlichsten Figuren in der Geschichte [sei], und ihr Leben [scheine] ein wichtiges Kapitel in Gottes Plan für die Welt und die Kirche zu sein".

Scientology geht für die KA vielleicht in Ordnung, aber katholische liberale Theologie wird mit dem ganzen Repertoire an altem katholischem Brandmarken als Sekte behandelt. In "Anmerkungen zwischen Revolution und Konterrevolution" fragt die Führungsfigur Giovanni Cantoni, ob eine bestimmte progressive brasilianische Theologie eine "neo-gnostische und eine neo-wiedertäuferische" Theologie" sei? (Cristianità, November 1992, Seite 25).

Ein Lieblingsthema ist der Kampf gegen die Rechte von Homosexuellen. Am 27. September 1994 empfing der stellvertretende Vorsitzende des europäischen Parlamentes eine Delegation des "Komitees zur Verteidigung der natürlichen und christlichen Ordnung der Familie", eine T.F.P.- Organisation, die 136.000 Unterschriften gegen gleiche Rechte für Homosexuelle gesammelt hatte. Unter den Mitgliedern der Delegation waren Guillaume Babinet, Direktor der T.F.P. France; Marquis Luigi Coda Nunziante, Präsident der Famiglia Domani (eine andere T.F.P.-Organisation -- Coda Nunziante machte vor einiger Zeit Schlagzeilen, als er vor einem Gericht ein Bittgesuch gegen die italienische Gesellschaftspersönlichkeit Marina Ripa di Meana einreichte, die nackt für ein Plakat gegen Pelzmäntel posiert hatte); Professor Roberto de Mattei, Präsident des Centro Culturale Lepanto; Leopold Werner, Vertreter der T.F.P.-Covadonga, Spanien; und mehrere italienische Parlamentsmitglieder (Controrivoluzione, Nr. 37-40, April-Nov. 1995, Florenz, Italien).

Die TFP-Zweigorganisation Centro Lepanto machte am 23. Juni 1995 in Italien Schlagzeilen, als sie Irene Pivetti, die Sprecherin des italienischen Parlamentes überredete, einer besonderen Zeremonie beizuwohnen, in der Gottes Vergebung erbeten wurde, weil die Stadt Rom den Bau einer Moschee zugelassen hatte.

Das alles ist nichts Neues. So berichtet zum Beispiel eine Note eines argentinischen Freundes, wie die T.F.P. General Juan Carlos Onganías Coup im Jahre 1966 unterstützte und im Jahre 1973 einen gewaltigen Feldzug organisierte, in dem die Rückkehr von Juan Domingo Peron angegriffen wurde. Neben den massiven antikommunistischen Kampagnen im amerikanischen Stil sollte man die Beziehungen zu Augusto Pinochet erwähnen, den sie zuerst unterstützte, dann aber beschuldigte, er schenke den Armen zuviel Beachtung ("TFP: la nouvelle inquisition", in Golias, Nr. 51, Nov.- Dez. 1996, Seite 64). Diese Kritik hielt Pinochet nicht davon ab, Ettore Riesle, den Gründer des chilenischen Zweiges der T.F.P., im April 1974 als Botschafter der Militärjunta beim Heiligen Stuhl zu ernennen (Giovanni Tassani, La cultura politica della destra cattolica, Coines Edizioni, Rom, 1976, Seite 211, Fußnote 86).

Das italienische Fernsehen zeigte kürzlich Dokumentaraufnahmen aus der Allende-Zeit in Chile, darunter eine antikommunistische Demonstration der TFP: es war amüsant zu sehen, daß die jungen Demonstranten alle gleich angezogen waren wie auf der Hintergrundzeichnung auf den Seiten der Cristianità, die die Aktivitäten von CESNUR schildern, und auch dieselbe Art von großen pseudo-mittelalterlichen Fahnen trugen.

Derselbe Stil war auch in einer italienischen Fernsehsendung während einer Demonstration der Rechten Ende 1996 oder Anfang 1997 zu sehen: jeder Demonstrant der KA-Schwesterorganisation Centro Lepanto trug eine Anstecknadel mit dem sprungbereiten Löwen der T.F.P., und alle hielten ein langes Spruchband -- "PRIVATER BESITZ - EIN GÖTTLICHES RECHT". Natürlich glücklich für die, die Besitz haben. Die TFP betrachtet Besitz in der Tat als Voraussetzung für ein anständiges christliches Leben. Das ist auch der Grund für das "Besitz" in ihrem Namen. Wie Roberto de Mattei, der Führer des Centro Lepanto, es formuliert, braucht die Bewahrung katholischer Tradition eine Umgebung, die Familie; und "die Familie braucht, um zu überleben und zu wachsen, ein materielles Substrat, das ihr Leben und ihre Freiheit sichert" (De Mattei, Il crociato del secolo XX: Plinio Corrêa de Oliveira, Piemme, Casale Monferrato, 1996, Seite 203), und dieses Substrat ist natürlich der Besitz. Das heißt jedoch nicht, daß allen Menschen Besitz gegeben werden sollte; es bedeutet vielmehr, daß alle jene ihn bewahren, die ihn bereits haben. Das ist eine Art und Weise, die Erlösung zu beschränken, die so manchem Theologen zu denken geben sollte.

Dies ist eine Abhandlung über Introvigne, nicht über Politik. Solange Menschen klar und ehrlich überzeugte Meinungen vertreten, mag ich diesen Meinungen wohl widersprechen, aber nicht den Personen, die sie äußern. Ich möchte nur betonen, daß keine der Feststellungen und Aktionen, die ich zuvor erwähnt habe und die die Grundmerkmale der Welt von Introvigne bilden, etwas mit "wissenschaftlicher Untersuchung", "Soziologie" oder "religiöser Toleranz" zu tun hat.


T.F.P. wird beschuldigt, eine Sekte mit "Gehirnwäsche" zu sein

Wir haben gesehen, wie die T.F.P. sich bereits dem Verdacht aussetzte, aus religiöser Sicht eine "Sekte" zu sein. Doch unter diesen Verdacht fiel sie auch aus soziologischer Sicht.

Die T.F.P. stieß zuerst in Frankreich auf erhebliche Probleme, wo die Organisation im Jahre 1967 die "Ecole Saint-Benoît" gründete, eine Privatschule in Châteauroux, auf die ausschließlich die Kinder katholischer Traditionalisten gingen und die von einer Gruppe von TFP-Kämpfern betrieben wurde. Die TFP versuchte zuerst, die unerwarteten Änderungen im Verhalten mehrerer Schüler wegzuerklären, indem sie sie als "Einzelfälle" bezeichnete. Bei einer Zusammenkunft im Jahre 1979 entdeckten die Eltern, der Kaplan und die Lehrer alle, daß diese Fälle alles andere als Einzelfälle waren, und baten die TFP, die Schule nicht weiter zu betreiben.

Die Eltern, die Lehrer und der Kaplan faßten zusammen mit mehreren Schülern ein faszinierendes kleines Buch über die Organisation und ihre Methoden ab (neu aufgelegt durch katholische Traditionalisten als Tradizione Famiglia Proprietà: associazione cattolica o setta millenarista?).

Wie bei vielen ähnlichen Gruppen entdeckten sie, daß die TFP ihre Kämpfer Schritt um Schritt lehrt, nicht zu denken: "Ihr denkt zu viel: das ist eine Versuchung des Teufels", ist die Äußerung, die ein brasilianischer Direktor gegenüber einem zweifelnden Franzosen machte; typischerweise wird "zuviel denken" ideologisch René Descartes angelastet.

Heimlichtuerei, Kontrolle der Umgebung, ständige Reisen nach Brasilien sind die Merkmale der Indoktrination, die die Organisation praktiziert.

Gemäß den Eltern und Priestern in Frankreich ist ein weiteres interessantes Merkmal die ständige Herabsetzung aller anderer katholischen Traditionalisten, die generell der "weißen Ketzerei" beschuldigt werden, womit "revolutionäres Verhalten" gemeint ist (schwarze Ketzerei meint "revolutionäres Denken").

Im vorurteilsbehafteten Jargon der Gruppe werden T.F.P.-Kämpfer gelehrt, von ihren Eltern als "F.M.R." zu sprechen, Fontes minha revolução, den "Quellen meiner Revolution"; Eltern können jedoch für ihre revolutionären Tendenzen durch Finanzierung der Bewegung Sühne leisten.

Es ist typisch, zu sehen, wie Kämpfer, wenn "Angriffe seitens der Familie" stattfinden, sich weigern, mit ihrer Familie zu argumentieren; sie lächeln und sagen: "Ich wußte, daß das kommt"(Tradizione Famiglia Proprietà: associazione cattolica o setta millenarista, Seiten 22-23)
Junge Mitglieder lehrt man, ihre Eltern zu manipulieren -- wie Doktor Plinio zu sagen pflegte: "Das Spiel, das ihr mit dieser oder jener Person treiben müßt, ist dieses: ..." (Tradizione Famiglia Proprietà: associazione cattolica o setta millenarista, Seite 23).

Das entscheidende Jahr, die Kehrtwendung der Katholischen Allianz (und Introvignes) von den Angriffen auf die "Jehovistensekte" auf die ebenso bissigen Angriffe auf die "Antiektenbewegung" zu verstehen, ist 1985.

Die TFP wurde 1984 in Venezuela verboten. Was uns interessiert, sind nicht die Fakten selbst, sondern die Art, in der die T.F.P. sie ansah. Der unmittelbare (und ziemlich unwahrscheinliche) Grund war, daß die Organisation sich angeblich verschworen hatte, ein Attentat auf den Papst zu verüben. Dies ereignete sich, kurz nachdem ein ehemaliges TFP-Mitglied (aber sicherlich ein Einzelgänger) versucht hatte, den Papst in Fatima in Portugal umzubringen.

Doch in typischem Szenario wurden viele besorgte Eltern von TFP-Mitgliedern in die Sache verwickelt, und die TFP wurde in der Hauptsache beschuldigt, "eine Sekte zu sein".

Die Episode wird so etwa Mitte 1985 im Bollettino delle 15 TFP, Jahrgang 1, Nr. 5 geschildert. Der Titel ist bedeutsam: "Sozialistische Wut schlägt gegen TFP-Widerstand".

Wie in derartigen Fällen üblich, wird für die ganze Episode nicht etwa die Asociación Civil Resistencia, die örtliche T.F.P.-Organisation, sondern die Regierung verantwortlich gemacht: Angeblich war es der T.F.P.-Feldzug gegen ein von der herrschenden Partei verabschiedetes sozialistisches Gesetz, das die Rache der Regierung gegen die Gruppe hervorrief. Was gleichfalls typisch ist: Wir erfahren nicht, was die Beschuldigungen der Regierung gegen die T.F.P. waren, sondern nur die Verteidigung der T.F.P. gegen eine "Reihe von Verfolgungen", "eine gewalttätige Verfolgung" und "die dichteste und totalste Propagandakampagne, die "man sich vorstellen kann". Was von besonderem Interesse ist:

Eine Minderheit von Eltern der Mitarbeiter des Widerstandes, verängstigt durch die Verwirrung oder getrieben von ideologischen Beweggründen, nahm an der verleumderischen Kampagne gegen die eigenen Kinder teil. (Bollettino, Seite 11)
Nach dem Verbot der Organisation verließen die erwachsenen Mitglieder -- viele Mitglieder waren minderjährig -- Venezuela mit ihren Familien.

In dem Dokument des parlamentarischen Komitees, das das Verbot der TFP forderte, hieß es:

Es ist eine Sekte (und keine religiöse Gruppe) [es una secta y no un culto] ganz weit rechts, die sich gegen die Familien wendet, den Charakter junger Menschen verformt, die Mitglieder zu Fanatikern macht und bei ihnen Gehirnwäsche betreibt. (Private Information eines spanischen Freundes)
Eine Aussage, die sich mit dem deckt, was die TFP selbst gesagt hat:
Nach diesen Verleumdern soll der Wiederstand also eine "Sekte" sein,' die als solche "Gehirnwäsche" betreibt. (Bollettino, Seite 12)

Die Reaktion der T.F.P.: eine "Antisektenverschwörung" wird erfunden

Wie wir sehen können, lag die TFP als "Sekte" in zweierlei Sinn unter Beschuß: als eine kleine, häretische religiöse Gruppe; und als geschlossene Gruppe, die Gedankenkontrolle betrieb. Mit Problemen von Theologen, Eltern und ehemaligen Mitgliedern in etwa derselben Weise wie, sagen wir einmal, Scientology.

Viele ehemalige Mitglieder der Organisation hatten damit begonnen, kontroverse Aspekte aufzudecken. Die TFP reagierte darauf, indem sie einen Text veröffentlichte mit dem bedeutsamen Titel: "Die neue atheistische und psychiatrische Inquisition ruft alle, die sie möchte, dazu auf, 'Sekten' zu vernichten" (Herausgeber: Gustavo Antonio und Luís Sérgio Solimeo, Société Française pour la Defense de la Tradition, Famille et Propriété, Paris 1991, Übersetzung des spanischen Textes von 1985). Im selben Jahr veröffentlichte die TFP in Kolumbien ein kleines Buch mit dem Titel: "Gehirnwäsche: Was ist das? Eine machiavellische Einrichtung? Satanisch?", in dem natürlich verschiedene Quellen angeführt wurden, um zu leugnen, daß es so etwas wie "Gehirnwäsche" überhaupt gebe.

Der Kampf gegen diese "neue Inquisition", der -- in dem ersten oben genannten Text -- "einer Allianz zwischen sozialistischen Politikern und Freudschen Psychiatern" zugeschrieben wird, ruft nach einer Koalition selbst mit denjenigen, deren Schicksal im zukünftigen Mittelalter "unbeugsame Bestrafung" sein wird, d.h. mit anderen Gruppen, die beschuldigt werden, Sekten zu sein.

Damit verbunden ist auch die Erfindung eines Feindes, den es gar nicht gibt: die "weltliche Antisektenbewegung", die angeblich ideologische und antireligiöse Zwecke verfolgt. Natürlich gibt es Sektenkritiker: doch in praktisch jedem Fall wurden ihre Organisationen von Personen mit unmittelbaren Familienproblemen gegründet, nicht von solchen mit irgendeinem ideologischen Hintergrund. Und "Psychiater und Sozialisten" wissen nur sehr wenig über die TFP: die meisten gut belegten Kritiken kommen von katholischen Traditionalisten, die demselben Milieu angehören.

Ich bin nicht in der Lage gewesen, diese Bücher aufzustöbern, daher weiß ich nicht, in welcher Beziehung sie zu einem kleinen Buch stehen, das ich auftreiben konnte und das von entscheidender Bedeutung für ein Verständnis des gesamten Themas des Krieges von Introvigne gegen die "Antisektenbewegung" ist, wie schon aus dem Titel zu ersehen ist: "Gehirnwäsche: Ein von der neuen 'Therapeutischen Inquisition' ausgebeuteter Mythos". Das Buch stammt aus dem, wie wir gesehen haben, entscheidenden Jahr: 1985.

Dieses Büchlein enthält, wenn auch erst in primitiver Form, bereits alle Vorstellungen, die Introvigne später entwickeln sollte: es ist tatsächlich ganz offenbar der Archetypus aller seiner späteren Schriften.

Der einzige Unterschied ist, daß es nicht den Anspruch erhebt, ein Werk akademischer Gelehrsamkeit zu sein. Wie die meisten extremistischen Veröffentlichungen ist es anonym und nur unterzeichnet von der "Amerikanischen Gesellschaft für die Verteidigung von Tradition, Familie und Besitz (TFP) und der Stiftung für eine christliche Zivilisation, Inc". Die Titelseite führt dann näher aus, daß "diese Untersuchung in Kolumbien und Brasilien herausgegeben" worden ist. Es ist nicht leicht, den Ursprung dieses Textes zu verstehen: obwohl der Inhalt eindeutig aus den USA stammt, handelt es sich um eine Übersetzung aus dem in Brasilien gesprochenen Portugiesischen.

Der Text ist in zwei voneinander unterschiedene Teile aufgeteilt: ein Vorwort Plinio Corrêa de Oliveira, das die ideologischen Richtlinien für den Krieg gegen die "Antisektenbewegung" festlegt, und einen größeren Teil, anonym, der hauptsächlich aus einer Sammlung von Zitaten verschiedener Persönlichkeiten besteht, die alle dazu neigen, zu beweisen, daß es so etwas wie "Gehirnwäsche" nicht gibt. Wie wir sehen, sind diese Zitate etwas wenig überzeugend, werfen jedoch eine Frage auf: Wie brachte es diese brasilianische Organisation plötzlich fertig, bei diesem ersten Exkurs auf dieses Feld so viele Zitate von US-Gelehrten zu finden? Ein brasilianischer Experte über die Prophezeiungen von Fatima wüßte ja wohl nicht einmal, wo er nach solchen Punkten wie einem Artikel von Faber, Harlow und West in Sociometry, Band 20, Nr. 4, Dezember 1957, Seiten 271-285, um einen typischen bibliographischen Verweis anzuführen, Ausschau halten sollte. Dies ist nur eine Hypothese, aber es läßt sich vermuten, daß dieser Text großenteils von einer anderen Veröffentlichung einer US-Gruppe abgeschrieben wurde, vielleicht der Vereinigungskirche, die wesentlich mehr Erfahrung darin hatte, Anschuldigungen, sie sei eine Sekte, zu widerlegen. Es wäre wahrscheinlich nicht schwierig, das Original aufzustöbern.

Dieses Vorwort des Doktors legt bereits in seinem Titel die Betrachtungsweise fest, der Introvigne noch ein Jahrzehnt später folgen sollte: "Gehirnwäsche und Sekte: Zwei undefinierbare Schlagwörter, die den Weg zu weltweiter Tyrannei und religiöser Verfolgung ebnen".

Eine Reihe von "extravaganten" Organisationen kommt auf der ganzen Welt hoch.

Der Wunsch, der Kriminalität Einhalt zu gebieten, die einige Organisationen hervorbringen, und die moderne Gesellschaft vor dem Einfluß von Gruppen zu bewahren, deren erklärtes Ziel es ist, auch wenn sie selbst nicht kriminell sind, so doch sich dramatisch von denen zu unterscheiden, die allgemein akzeptiert werden, hat eine weitverbreitete Antisektenbewegung hervorgebracht, die besonders in den Vereinigten Staaten am Werk ist. (Seite 7)
Hier sehen wir, wer Introvignes "Antisektenbewegung" erfunden hat. Plinio neigt zu einer völligen Trennung in eine Minderheit straffälliger Gruppen und in andere, die einfach deshalb bedrückt werden, weil sie, wie er wiederholt sagt, "extravagant" sind:
Ein viel sensibleres Thema ist das der legalen Unterdrückung von Sekten, die einfach extravagant sind und die, als solche betrachtet, nicht zur Kriminalität neigen; In solchen Fällen würden sie innerhalb des Gesetzesrahmens handeln []. Wie würde jemand vom Standpunkt der weltlichen und neutralen Mentalität der modernen Gesellschaft aus die modernen Gesetzesvorstellungen verletzen, wenn er einen Dreispitz trüge, eine normale Sache zur Zeit Ludwigs XV, oder in Maharadscha-Schuhen die Straße entlangliefe? Und wenn zwei oder mehr Leute sich ungewöhnliche Kleider anzögen und die Straßen entlangspazierten und unsinnige Verse sängen, wäre ihre Handlungsweise dann tadelnswert, wenn sie mit ihrem Singen weder den Frieden störten noch die guten Sitten verletzten? Indem die Antisektenbewegung daran festhält, daß der Staat Gesetze gegen extravagantes Verhalten wie dieses aufstellen sollte, wirft sie viele delikate und komplexe rechtliche Fragen auf -- alle, man beachte dies wohl, mit Auswirkungen auf die moralische und religiöse Ordnung []. Unter dem Vorwand, Extravaganz zu verhüten, würde der moderne Staat den Anspruch auf das Recht erheben, zu fast allen Aspekten der menschlichen Lebens eine offizielle Meinung zu bilden, zu definieren und als verpflichtend zu erklären -- zusammen mit dem Recht, alle diejenigen zu unterdrücken, die nicht nach dieser offiziellen Meinung lebten oder dachten. (Seiten 8-9)
Offensichtlich natürlich daß es keine Bewegung gegen "Extravaganz" gibt. Kein Sektenkritiker hat sich beispielsweise darüber beklagt, daß Scientologen Dreispitze trügen. Sie beklagen sich darüber (zu Recht oder nicht), daß sie das Geld der Leute nehmen.

Wie Introvigne in seiner Kritik an Jonestown fügt Plinio hinzu:

Merkwürdigerweise gibt es Antisektenorganisationen, die ihre Angriffe auf alles außer den Sozialismus und den Kommunismus ausgeweitet haben. Warum sehen sie sie nicht als philosophische Sekten an? Warum betrachten sie nicht eine der geistigen Verwirrungen der Hippies und der Rockbewegung als extravagant (auch wenn diese Bewegungen in vielen ihrer Rituale offen satanisch sind)? Warum? Es ist symptomatisch, daß sie häufig gegen die Feinde um sich schlagen, die der Kommunismus besiegen will. Man kann sich einfach des Schlusses nicht erwehren, daß diese Antisektengruppen, praktisch gesehen, den Weg für den Kommunismus ebnen und zu weltweitem Totalitarismus führen. So scheinen diese Antisektenorganisationen und der Sozialismus/Kommunismus zwei Seiten einer Medaille zu sein. (Seite 10)
Die falsche Argumentation an dieser Stelle wird für jeden offenbar sein, der auch nur die geringste Kenntnis der sogenannten "Antisektenbewegung" hat. Erst einmal fallen "Sozialismus und Kommunismus", wie der Faschismus und die katholische Kirche, nicht unter die recht strengen Kriterien, die verwendet werden, eine Sekte zu definieren. Zweitens: Sektenkritiker haben immer schon von jenen Kommunisten, Katholiken oder anderen Bewegungen Notiz genommen, die unter diese Kriterien fallen. Das ist der Grund, warum bestimmte marxistisch-leninistische Gruppen oder das Opus Dei, aber nicht die Kirche oder der Kommunismus ganz allgemein, im Visier standen (ob zu Recht oder nicht, ist eine ganz andere Sache). Die Rockbewegung steht natürlich nicht im Visier, weil sie "extravagant" ist; man kann sie kaum als "Gedankenkontrolle ausübende Sekte" ansehen.

Nun geht Plinio dazu über, sich über "Gehirnwäsche" auszulassen:

In den Vereinigten Staaten hatte der Begriff Gehirnwäsche einen tiefgreifenden Eindruck auf die öffentliche Meinung. Er wurde zuerst 1950 von dem Journalisten Edward Hunter jr. verwendet, und zwar in einer Artikelreihe für die Miami Daily News und das Leader Magazine, wo er die Foltern beschrieb, denen Amerikaner im Koreakrieg ausgesetzt waren, wenn sie in die Hände des Feindes fielen. (Seite 11)
Wenn man es so sagt, scheint ein Journalist das Wort erfunden zu haben. Tatsächlich aber kam "Gehirnwäsche" als positiver Begriff im kommunistischen China auf, hse nao, obwohl es von Edward Hunter in seinem Buch Gehirnwäsche in Rotchina in den Westen eingeführt wurde. Doch schon 1956 -- fast dreißig Jahre, ehe Plinio diese Zeilen niederschrieb -- hatte Lifton einen neuen Begriff, "Gedankenreform" (auch chinesischen Ursprungs), eingeführt, und etwa um das Jahr 1980 wurde der Begriff "Gedankenkontrolle" gebräuchlich. Margaret Singer, eine der führenden Sektenkritikerinnen in den USA, führte 1982 den ziemlich sperrigen Begriff "systematische Manipulation durch psychologischen und soziologischen Einfluß" ein (siehe Margaret Thaler Singer, Cults in Our Midst: The Hidden Menace in Our Everyday Lives, Jossey-Bass, San Francisco 1994). Natürlich kann man es Plinio leicht nachsehen, daß er dies nicht wußte; doch diese Tatsachen sind wichtig, da die "Antisektenbewegung" generell eine deutliche Trennung vornahm zwischen "Gehirnwäsche", also einer Einwirkung mit Gewalt, um mit physischem Zwang eine Meinungsänderung herbeizuführen, und Methoden der "Gedankenreform", gegründet auf dem systematischen Gebrauch jedes möglichen psychologischen Schlüssels, um die Kontrolle über Einzelpersonen aufrechtzuerhalten, ohne physischen Zwang zu benutzen. Journalisten gebrauchen natürlich weiterhin den Begriff "Gehirnwäsche", aber "Antisektenbewegungen" tun das nur selten oder nicht zu der Zeit, als Plinio schrieb. Ich habe nicht die Absicht, hier bei diesem komplizierten Thema Stellung zu beziehen, doch Plinio kämpft eindeutig gegen den falschen Feind.

Plinio rennt mit seinem Angriff gegen die Gehirnwäsche offene Türen ein: Gehirnwäsche meint Manipulation unter physischem Zwang; in modernen westlichen Sekten gibt es nur wenig Gelegenheit für körperlichen Zwang im chinesischen Stil, daher stimmt die ganze Theorie von der "Gehirnwäsche" nicht. Das Problem dabei ist, daß jede vernünftige Sektenkritik mit ihm übereinstimmen würde. Und tatsächlich wird der Psychiater Louis Jolyon West in dem Buch positiv angeführt: als Kritiker der Idee einer "Gehirnwäsche". Was der Scheiber mitzuteilen vergißt, ist, daß West sicher einer der führenden Kritiker einer Sektenkontrolle ist.

Ein ganz anderer Punkt ist, ob die soziale Umwelt äußerst überzeugend wirken kann; ganz getrennt von dem ganzen Thema mit Sekten ist jeder Versuch, das zu leugnen, hier zum Scheitern verurteilt. Ein offensichtliches, wenn auch extremes Beispiel waren die Menschenopfer bei den Azteken: egal, ob der einzelne Priester es genoß, mit seinem Obsidianmesser zuzustoßen, es gibt nur geringen Zweifel, daß er in sozialer Hinsicht davon überzeugt war, daß es eine höchst moralische Sache war, das zu tun. Und tatsächlich wäre es höchst unmoralisch, es nicht zu tun.

Doch wie wir gesehen haben, war "Gehirnwäsche" (lavado de cerebro) sicherlich eine offene Beschuldigung, die gegen eine Gruppe erhoben wurde: Plinios TFP.

Der wahre Grund für Plinios plötzliches Interesse an "Gehirnwäsche", "Sekten" und die "Antisektenbewegung" kommt erst zusammen mit einer introvignesken Verschlagenheit am Ende seines Vorwortes zum Vorschein. Nach der Feststellung, die einzige Lösung für "extravagantes Verhalten" sei, die verlorenen Schafe "wieder in die Hürde der heiligen katholischen Kirche zurückzubringen", sagt er:

Dieses Ideal, für das wir kämpfen, liefert noch einen weiteren wichtigen Grund, warum diese Untersuchung geschrieben und veröffentlicht wurde. Nicht nur die Kommunisten selbst, sondern auch ihre "nützlichen Idioten", die Linken aller Schattierungen und besonders die "katholischen Linken", klassifizieren unisono viele katholische Gruppen als "Sekten", die treu der traditionellen Lehre vom höchsten Magisterium der Kirche anhängen. Und um noch eine Beleidigung draufzusetzen: sie beschuldigen diese Katholiken, bei ihren Bekehrten "Gehirnwäsche" zu verwenden. Das Ziel dieses Werkes ist es daher, diesen Angriff zurückzuweisen und alle diejenigen zu entwaffnen, die diesen Angriff vorgetragen haben: die Kommunisten und ihre "Trittbrettfahrer" und "nützlichen Idioten". (Seiten 12-13)
Der größere Teil dieses kleinen Buches ist, wie wir gesehen haben, dem Zitieren von Kritiken an der Vorstellung einer Gehirnwäsche oder ihrer Bedeutung für heutige Sekten gewidmet.

Ein Zitat kommt recht überraschend; ehe man jedoch Anschuldigungen böser Absicht gegen die Verfasser der TFP losläßt, sollte man sich daran erinnern, daß das Buch wahrscheinlich nur eine Neuauflage von Material ist, das andere gesammelt haben. Auf Seite 18 enthält das Buch ein langes Zitat aus Gedankenreform und die Psychologie des Totalitarismus von Robert J. Lifton, der den Mißbrauch des Begriffes "Gehirnwäsche" in anderem Zusammenhang als mit physischem Zwang anprangert. Was derjenige, der das Material zusammengetragen hat, offenbar nicht wußte, ist, daß diese Kritik Teil von Liftons Vorschlag war, eine völlig andere Terminologie zu verwenden, um Manipulationen ohne Anwendung physischer Gewalt zu beschreiben; und Liftons Vorschläge waren die theoretische Grundlage für die ganzen Überlegungen der "Antisektenbewegung" zu Überzeugung und (wie sich der Begriff später entwickelte) Gedankenkontrolle. Selbst Introvigne mußte diese Tatsache zugeben, ohne jedoch Doktor Plinios Anweisungen zu verletzen: diese im Widerspruch zueinander stehenden Forderungen haben ihn dazu gebracht, von "Gehirnwäschetheorien der zweiten Generation" zu sprechen.


Introvignes Rolle in Plinios Krieg gegen die "Antisektenbewegung"

Dieses kleine Buch beweist, daß die TFP drei Jahre, bevor sie einen "Soziologen" fand, um eine Organisation dafür zu schaffen, dieselbe Linie der Sektenrechtfertigung wahrte.

Im Jahre 1985 griff der Sexologe Introvigne immer noch die "Jehovistensekte" an. 1987 veröffentlichte der Soziologe Introvigne Il reverendo Moon e la Chiesa dell'Unificazione(Elle Di Ci, Leumann, Turin), das erste Buch in seinem Krieg gegen die "Antisektenbewegung". Schließlich wird sogar in einem neueren Lebenslauf (in Libertà religiosa, 'sette' e diritto di persecuzione, Seite 150) eingeräumt, daß es erst "in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre war", daß Introvigne ein Spezialist für "zeitgenössische 'neue Religiosität'" wurde.

Sollen wir annehmen, daß Introvignes plötzliche Verwandlung um das Jahr 1985 in enger Beziehung zu diesem Feldzug der T.F.P. stand?

Es gibt mehrere Gründe für die Annahme, dies sei kein Zufall gewesen.

Zuallererst war es nicht Introvigne allein, der die Fronten wechselte: dieselbe symbiotische Beziehung zwischen der KA und Introvigne bestand vor und nach dem Frontwechsel.

Und der Frontwechsel betraf die gesamte KA, die sehr eindeutig ihre Sektenpolitik in derselben radikalen Weise änderte.

Zweitens kann man die Schriften Introvignes alle als ausführliche Serie von Fußnoten lesen, die die ursprüngliche These des "Doktor Plinio" über "Sekten und Gehirnwäsche" bestätigen. Wieviel er auch geschrieben haben mag, keines seiner folgenden Werke zeigt die leiseste Abweichung von diesen Richtlinien.

Drittens offenbart Introvigne in seinen persönlicheren Schriften in Cristianità ganz offen die strategische Natur der Sektenrechtfertigung; er stellt sie als notwendige Waffe im Kampf gegen die "Freudsche und marxistische Antisektenbewegung" und als Schutz von Opus Dei und anderen Gruppen (die T.F.P. wird nur selten erwähnt) gegen "Verfolgung" dar.

Es ist nichts Ungewöhnliches daran, wenn T.F.P.-Zweige die Anweisungen des "Doktors" aufnehmen und sie auf der ganzen Welt anwenden.

Man kann natürlich Dokumente aus dem Textzusammenhang gelöst zitieren, um fast jedes Szenario zu schaffen; ich glaube jedoch, daß ich die Dokumente korrekt zitiert habe -- in ihrem Textzusammenhang -- und im Gegenteil keine wichtige Information ausgelassen habe.

Natürlich sind öffentlich zugängliche Dokumente nur der letzte und am wenigsten authentische Schritt in einem langen Prozeß: ausschlaggebende Entscheidungen werden nie in Zeitschriften getroffen.

Doch die Dokumente, die zugänglich sind, scheinen eine Aussage zu bestätigen, die von ehemaligen Mitgliedern der KA (die nebenbei bemerkt nicht in eine "Antisektenstruktur sozialisiert" wurden) immer wieder vorgebracht wird: daß Massimo Introvigne sich als Folge einer Reise nach Brasilien entschloß, CESNUR zu gründen. Reisen nach Brasilien spielen, wie das Buch Tradizione Famiglia Proprietà: Associazione cattolica o setta millenarista?zeigt, eine sehr wichtige Rolle, um den sozialen Zusammenhang der Organisation zu bewahren.

Ich war selbst kein Mitglied der T.F.P.; deshalb kann ich nicht sagen, ob es sich um eine Sekte handelt. Was jedoch offensichtlich ist: die T.F.P. hat dieselben Erfahrungen gemacht wie Gruppen wie Scientology und Moon: Probleme mit den Eltern und Angehörigen von Mitgliedern und Beschuldigungen, heimlichtuerisch und doppelzüngig zu sein; Anklagen der Manipulation, des Personenkults und des aggressiven Jüngermachens. Und die Reaktion war genau dieselbe: die Schuld wird imaginären "Antisektenbewegungen" gegeben, die von "Psychiatern" betrieben werden.

Vermutlich entschloß sich die TFP dazu, auf solch einen unwahrscheinlichen Feind einzuhacken, weil ein Angriff auf die katholische Kirche ihre Quelle an idealistischen jungen Katholiken ausgetrocknet hätte (ehe er für Introvignes Theorien Partei ergriff, schob der Gründer der Neuen Akropolis, J.A. Livraga, die Schuld auf das Opus Dei und die Furcht des Vatikans vor dem "Giganten der Geschichte", womit er die winzige Organisation der NA meinte); ein Angriff auf Regierungen ist natürlich überall eine nicht ratsame Vorgehensweise.

Ist dieses ideologische Bild einmal gezeichnet, muß ihm alles eingepaßt werden.

Jeder, der etwas von sektenbeobachtenden Organisationen kennt, weiß, daß fast alle gegründet wurden, um ein Problem zu lösen: das der trauernden Eltern und desorientierter ehemaliger Sektenmitglieder. In diesem Sinne ähneln sektenbeobachtende Organisationen sehr anderen Selbsthilfegruppen, die durch Menschen geschaffen wurden, deren Leben zerstört wurde. Wenn solche Gruppen voreingenommen sind, dann sind es die typischen spontanen Voreingenommenheiten von Eltern -- sie sind in keiner Weise ideologisch, und in jeder sektenbeobachtenden Bewegung gibt es Menschen mit den unterschiedlichsten Ansichten, deren gemeinsames Problem jedoch viel wichtiger ist. Zumindest in Italien sind eine große Mehrzahl der Mitglieder der von Introvigne so genannten "Antisektenbewegungen" praktizierende Katholiken, doch ideologische/theologische Themen werden in keiner dieser Bewegungen, die ich kenne, diskutiert.

Introvigne jedoch will uns weismachen, wie man an sektenbeobachtende Organisationen herantreten "muß":

Man muß immer vom grundlegenden ideologischen Bezugsrahmen der Antisektenbewegung ausgehen, geboren in einer weltlichen humanistischen (laizistischen) Umgebung, die nicht in der Lage ist, jeglichem sozialen Phänomen standzuhalten, das der These widerspricht, daß es das Schicksal der Religion sei, immer mehr ihre Bedeutung in einer modernen und postmodernen Welt zu verlieren, die diese Religion im Grunde genommen nicht mehr braucht. Man sollte noch hinzufügen, daß [] die weltliche humanistische Ideologie fast immer (auch wenn es Ausnahmen davon gibt) mit liberaler und linker politischer Militanz einhergeht, die der politisch konservativen Militanz des neuen evangelikalen und fundamentalistischen Protestantismus gegenübersteht, wie auch einigen neuen religiösen Bewegungen, insbesondere der Vereinigungskirche des Reverend Sun Myung Moon. Zumindest gilt dies seit einigen Jahren (Introvigne in "L'Opus Dei e il movimento anti-sette", Cristianità, Mai 1994, Seiten 6-7)
Übrigens sind Psychiater nicht immer Feinde. In Cristianità schlägt ein gewisser Bruto Maria Bruti eine psychiatrische Behandlung als Lösung für das "Laster" der Homosexualität vor, wobei er ungefähr so viele wissenschaftliche Quellen anführt wie gewöhnlich Introvigne, und spricht von solchen Dingen wie der dritten Kernregion des vorderen Hypothalamus ("Omosessualità: vizio o programmazione biologica?", in Cristiantià, Juli-August, 1995).

Einige merkwürdige Freunde von Introvigne

Der herzliche Ökumenismus der TFP's nimmt überraschende Aspekte an. Gemäß dem französischen Journalisten Serge Faubert ("Le vrai visage des sectes", L'Evenement du jeudi, 4.-10.11. 1993, Seiten 44 ff.) war Introvigne eines der nur fünfzehn Gründungsmitglieder der sehr geheimen "Gruppe von Theben" (Groupe de Thèbes), die sich in der französischen Loge Grand Orient traf, ausschließlich aus Mitgliedern verschiedener "Orden" zusammengesetzt. Zu der winzigen Gruppe gehörte eine recht interessante Auswahl von Einzelpersonen:

Massimo Introvigne, der am 3. Juni 1990 an der allerersten Zusammenkunft dieser Loge teilnahm,

Remi Boyer, ein früherer Rosenkreuzer (AMORC), der Arc-en-ciel geschaffen hatte, einen Zusammenschluß von okkulten und New Age-Gruppen (darunter Sri Chinmoy, die Grand loge indépendent des rites unis, das Institut zur planetarischen Einheit, der Ritterorden vom Rosenkreuz, die Geistige Universität von Brahma Kumaris. Die Gruppe von Theben war Boyers zweites Geschöpf für eine kleinere und vermutlich höhere Gruppe von "Eingeweihten".

Jean-Pierre Giudicelli, der Führer der französischen Abteilung des Ordre de Myriam, ehemaliger korsischer Nationalist und rechtsgerichteter Kämpfer ("Ordre Nouveau" und "Troisième Voie").

Gérard Kloppel, Großmeister des Ordens von Memphis und Misraim.

Jean-Marie Vergério, Führer der "Templer der Circe".

Kotzamanis, Kanzler für Griechenland einer Templergruppe (aus Fauberts Artikel geht nicht klar hervor, ob Triantaphyllos sein Vorname oder der Name der Gruppe ist).

Das interessanteste Mitglied der Gruppe von Theben war sicherlich Christian Bouchet (als kämpferischer Atheist zieht es Bouchet vor, nur bei seinem Nachnamen genannt zu werden). Bouchet war prominenter Redner bei mehreren CESNUR-Ereignissen: bei der internationalen CESNUR-Konferenz in Santa Barbara im Jahre 1991 und viermal in Frankreich im Jahre 1992. Im Lichte der Behauptung von CESNUR, für "Professionalität" und "friedliche Diskussion" zu stehen, ist das recht amüsant. Ich habe keine Vorstellung, ob Bouchet irgendeine berufliche Qualifikation hat, außer ein Anhänger von Aleister Crowley zu sein (er nennt sich selbst "Ethnologe" im Gegensatz zu dem "Soziologen" Introvigne). Bouchet, seit den 70er Jahren in Frankreich ein Kämpfer weit auf dem rechten Flügel, gibt drei gesonderte Zeitschriften heraus. Für die allgemeine Öffentlichkeit gibt es Lutte du Peuple [Volkskampf], eine ziemlich hysterische Publikation, die viele Leute vielleicht als "neo-nazistisch" bezeichnen; dann gibt es Vouloir [Der Wille], eine kulturelle Publikation, die großenteils dem Studium von Nietzsche und Crowley gewidmet ist; doch Eingeweihte haben Zugang zu Thelema, was in Griechisch nochmals "Der Wille" heißt: Thelema ist natürlich Crowleys Lieblingsschlagwort. Bouchet ist Mitglied des Crowleyschen OTO (Ordo Templi Orientis).

Bouchets politische und religiöse Ansichten sollen mich hier nicht interessieren; was mich aber sehr wohl interessiert, ist, wie jemand wie Bouchet in die Art von "friedlicher" und "professioneller Diskussion" eingepaßt werden kann, für die CESNUR angeblich steht. Hier ist beispielsweise eine kurze Rezension, die Bouchet schrieb:

Die erste CD der Indus [industrial rock]-Gruppe Dissonant Elephants, "Unsere Augen wie Dolche", hat viel an sich, das uns anspricht: [] Der Schutzumschlag zeigt die Kröte von Jerusalem an seinem Kreuz mit einer roten Clownsnase ("Vient de sortir", Lutte du peuple, Sept.-Okt. 1995, Seite 13)
Gemeint damit ist Aleister Crowleys berüchtigtes Ritual, bei dem eine Kröte gekreuzigt wird.

Bouchet tauchte wieder bei einer Konferenz über "Wurzeln und Evolution des modernen Heidentums" in Lyon auf (3. und 4. Februar 1996), wo unter anderem Robert Amadou (ein bekannter Martinist) sprach, sowie die Rechtsextremisten Arnaud d'Apremont und Charles Antoni, Rémi Boyer (wiederum) wie Renato del Ponte, Experte über Julius Evola. Massimo Introvigne, "Direktor von CESNUR", war der Star der Konferenz.

Die Kommentare eines Teilnehmers dieser Konferenz zeigen eindeutig die Art von Bild, das Introvigne erfolgreich auf sein Werk projiziert hat -- statt seine eigene ideologische Bindung zu verbergen, zeigt er, wie er, obschon "Katholik", so doch "gezwungen" ist, gewisse Gruppen objektiv in Schutz zu nehmen; gleichzeitig ist er wissenschaftlicher Experte:

Introvigne ist Katholik, etwas, das er nie verheimlicht hat []. Und doch sind seine Untersuchungen von vorbildlicher Objektivität und Unparteilichkeit. []. Doch es mag überraschend kommen, zu sehen, wie Introvigne eine Einladung zu einer Konferenz annahm, bei der "Wissenschaftlichkeit" und "Ernsthaftigkeit", die er als Gelehrter sicher schätzen muß, keine Voraussetzungen waren. Introvigne selbst erkannte, wie seine Anwesenheit einige Überraschung verursacht haben konnte []. In seiner ersten Rede sagte Introvigne ausdrücklich, eine Einladung zu einer Konferenz von Neuheiden anzunehmen, wo erwartet wurde, daß "Neuheiden" sprachen, sei "nicht nur ein Vergnügen, sondern eine Pflicht", da der [kürzlich veröffentlichte] Bericht der Untersuchungskommission [des französischen Parlamentes] das Neuheidentum als sozial gefährlich beschrieben hatte, weil es unter Rassisten und antisemitischen rechten Kreisen weitverbreitet sei (Marco Pasi, "Esoterismo e nuova religiosità", in Orion, Mailand, März-April 1996, Seiten 51 ff.).
Natürlich gibt es nichts, das nur schlecht ist: Introvignes Aktivitäten, die großen Sektenmultis zu verteidigen, erleichtern sicher das Leben für exzentrische, aber harmlose Gruppen, die dasselbe Recht zu existieren haben, wie jede andere, und die diesem "katholischen Gelehrten" zu tiefem Dank verpflichtet sind. Einige junge Hexen, die sich durch die Präsenz einer solch großen Figur geehrt fühlen, sind sehr anständige Leute. Doch es ist sicher nicht nur die Dankbarkeit dieser Minderheitengruppen, die CESNUR am Leben erhält, und diese Bewunderer sind sich auch nicht des Schicksals bewußt, das sie erwartet, sollten die millennaristischen Bilder der T.F.P. eines Tages Wirklichkeit werden.

Die Artikel der Gemeinschaft Gruppe von Theben scheinen einige Nichteingeweihte von der Zugehörigkeit ausgeschlossen zu haben. Das bleibt in meinen Augen natürlich ohne Folge, doch es wirft einige Zweifel an Introvignes Recht auf, sich als Katholik zu bezeichnen, wenn man die strikte Verurteilung der Freimaurerei [durch die Kirche] in Betracht zieht. Vier Mitglieder dieser Loge nahmen neben Introvigne selbst an der CESNUR-Konferenz in Lyon im Jahre 1992 teil.

Wie üblich vermied es Introvigne, auf diese Anschuldigungen zu antworten; eine Antwort erschien jedoch in einem Bullettin, das allein für KA-Mitglieder reserviert ist (Domus Aurea Informazioni, 5./10. Sept. 1994, zitiert in Sodalitium, Nr. 39, Nov. 1994, Seiten 20 ff.) und das durch Zufall bekannt wurde. Introvigne behauptete, er habe über fünfzehn Bücher geschrieben, beschuldigte Faubert, "kommunistischer Kämpfer einer kleinen trotzkistischen Gruppe" zu sein, bestritt aber nicht, Mitglied in der Loge zu sein. Er behauptete auch, er habe das Recht, als "Soziologe" bezeichnet zu werden, da er "bis 1993" (das klingt besser als "1991 und 1992", wie in seinem Lebenslauf in Libertà religiosa, 'sette' e 'diritto di persecuzione' ausgesagt) in einem Seminar in der Provinzstadt Foddia (deren Erzbischof damals Präsident von CESNUR war) gelegentlich Religionssoziologie lehrte. Introvigne räumte ein, das Leck bei der Insiderinformation über die Theben-Gruppe habe "objektiven Schaden bei den Gelehrten [angerichtet], die an den Treffen der Gruppe teilgenommen hatten".

Introvigne war nicht immer so freundlich gegenüber der französischen "Neuen Rechten", aus der Bouchet kommt: Doktor Plinio hatte noch nicht seine neuen Richtlinien erlassen. Im Grunde genommen war seine These in der Vergangenheit (Massimo Introvigne, "GRECE e Nouvelle Ecole", in Cristianità; Nr. 32, Dez. 1977), daß die "Neue Rechte" eigentlich links stand. Unter der Überschrift "Eine einsatzbereite herrschende Klasse für die Revolution" findet man die folgende Beschreibung dieser französischen Neuheiden:

Ein "Cocktail" aus Evolutionismus, Neo-Positivismus, Wissenschaftsgläubigkeit, sexueller Revolution und eindeutig freimaurerischen Lehren in "indo-europäischer" Verpackung: in erster Linie, um diese jungen Menschen, die aus dem Sozialkommunismus und progressiver Anpassung entkommen sind, unterschwellig zu korrumpieren, um ihre Umwandlung zu "anonymen Revolutionären" zu begünstigen; in zweiter Linie, um das Verderben jeglicher antikommunistischer Reaktion vorzubereiten und zu versuchen, angesichts eines dunklen und fatalen neuheidnischen Trugbildes die unausweichlichen geistigen Bedürfnisse in einem antikatholischen und metaphysischen Sinne zu befriedigen. (Seite 5)

Introvigne, T.F.P. und die "Neue Rechte" in den USA

Allianzen mit Sekten sind jedoch nur ein Teil des TFP-Ökumenismus: das Rutherford Institute, ein Nebenprodukt von Jerry Falwells Moral Majority (gegenwärtig in Fälle von "religiöser Freiheit" verwickelt, zu denen merkwürdigerweise auch Miss Paula Jones' Sexprozeß gegen Clinton und ein Feldzug zählt, die nette Miss Tatiana Susskin freizubekommen, die augenblicklich in Israel inhaftiert ist, weil sie die arabischen Teile von Hebron mit Plakaten zugepflastert hatte, die ein Schwein zeigen, das den Koran schreibt), erhebt den Anspruch guter Beziehungen mit CESNUR (und Scientology bezeichnet das Rutherford Institute zusammen mit CESNUR als "Ressource der Menschenrechte").

Einige interessante Informationen über das Rutherford Institute sind in einem (ziemlich ruppigen pro-Clinton) Dokument zu finden, das den Titel trägt: Laßt uns reden über die Sekte Rutherford "Institute", Paula Jones -- und Bogus Christian, John Whitehead, im Internet mit der URL www.koopersmith.com/ 021989WhitehadAbout: Dieses Dokument bezieht sein Thema aus der Tatsache, daß das Rutherford Institute für einen kostenlosen Rechtsbeistand für Miss Paula Jones sorgt. Der Name des Institutes ist einem Prediger des 17. Jahrhunderts, Samuel Rutherford, entnommen, der glaubte, daß das biblische Gesetz Vorrang vor irgendeinem Gesetz, das Regierungen erlassen, habe. Tatsächlich wurde John Whitehead, der Gründer des Instituts, in einem Artikel im Moral Majority Report (Mai 1983) in günstigem Licht dargestellt: als jemand, der glaubt, daß Gerichte sich der Autorität der Gesetze Gottes zu unterstellen hätten, und daß alle zivilen Angelegenheiten und die Regierungen, auch das Recht, auf die in der Bibel zu findenden Prinzipien gegründet werden sollten.

Wir müssen sehr aggressiv sein, sagte Whitehead. Die Initiative ergreifen. Klage erheben statt verklagt werden.

Whiteheads Buch aus dem Jahre 1982, Die zweite amerikanische Revolution, verherrlicht den presbyterianischen Geistlichen Rousas John (R. J.) Rushdoony, den Vater des "Christlichen Rekonstruktionismus", der an der Notwendigkeit festhält, die Regierung dem biblischen Gesetz zu unterstellen, eine Argumentationsweise, die nicht unähnlich der ist, die hinter dem islamischen Fundamentalismus steht. Gemäß den Rekonstruktionisten sollte das weltliche Gesetz die Todesstrafe verhängen gegen Frauen, die abtreiben lassen, für "reuelose" Homosexuelle und sogar für "unbelehrbare Söhne". Rushdoonys Ministry of Chalcedon behauptet in seiner Broschüre, daß Chalcedon der Errichtung des Rutherford Institute förderlich war, dessen Zweck es ist, Rechtsanwälten bei der Verteidigung religiöser Freiheiten beizustehen. Rushdoony war einmal Direktor des Instituts. Whitehead behauptet, er sei kein Rekonstruktionist, aber einige seiner Aussagen lassen wenig Raum für Zweifel: Die Herausforderung für einen christlichen Anwalt besteht darin, ein vernehmbarer, dynamischer Fürsprecher für den wahren Rechtsberuf zu sein -- den, in dessen Mittelpunkt Jesus steht -- und bei nichts weniger aufzuhören, als das gesamte System zu bekehren. Wie die Katholische Allianz, wenn auch in protestantischem Kontext, glaubt Whitehead daran, die Kontrolle der politischen Rechten, der Republikaner, als einen ersten Schritt auf eine weltweite soziale Kontrolle hin zu erlangen.

Gleichzeitig, und gerade wie bei CESNUR, besteht das Ziel darin, eine ausgedehnte, geeinte Front aller "Religionen" herzustellen, egal ob historische oder selbsternannte, und weltweit vollen Gebrauch von den Sympathien für "unterdrückte religiöse Minderheiten" zu machen. Um diese Front herzustellen, kann das Rutherford Institute, sicher glücklicher als CESNUR, auf ein jährliches Budget von über 8 Millionen Dollar zählen.

Wäre die US-Atomsupermacht ein besseres oder schlechteres Land, wenn sie gänzlich in den Händen einer Gruppe von Fundamentalisten wäre, die entschlossen sind, ihre Lehren dem ganzen Planeten aufzuzwingen? Eigentlich ist diese Frage für uns nicht von Interesse. Wir möchten nur darauf hinweisen, wie diese Freunde von CESNUR hinter der Maske, die "Religionsfreiheit zu verteidigen", Ziele verfolgen, die recht weit entfernt von dem sind, was normale Menschen als Menschenrechte auffassen würden.

Die TFP war auch einer der Sponsoren der Konservativen Führungskonferenz im Jahre 1997, zusammen mit solch vernehmlichen Organisationen wie dem Zentrum für militärische Bereitschaft, der Christlichen Stimme, den Bürgern gegen die Verschwendung der Regierung und dem Bürgerkomitee für das Recht, Waffen zu tragen. Übrigens war die Christliche Stimme zumindest in der Vergangenheit eng mit der Moon-Bewegung verbunden, was uns daran erinnert, wie ein Mitglied der KA sich kürzlich gegenüber einem schockierten katholischen Freund von mir damit brüstete, daß die Angehörigen der Moon-Sekte zweitausend Exemplare eines Buches von Introvigne aufkauften, um sie kostenlos weiterzugeben, "weil es so objektiv war".

Schließlich hatte der Vater der Neuen Rechten, Paul Weyrich, etwas sehr Besonderes über die TFP zu sagen, als er an einer ihrer Konferenzen in Brasilien teilnahm: "In unserem Kampf sowohl in den USA wie auch auf der ganzen Welt ist die TFP eine der wenigen wirklich zuverlässigen und beständigen Organisationen, mit der wir zusammenarbeiten können" (Catolicismo, Okt. 1988, zitiert in Agnoli e Taufer, Seite 82. Catolicismo ist die offizielle Zeitschrift der brasilianischen TFP).

Über den Aufsatz von Plinio Corrêa de Oliveira, Nobility and Analogous Traditional Elites in the Allocutions of Pius XII: A Theme Illuminating American Social History (Oktober 1993, Hamilton Press, ISBN: 0819193100):

PAUL WEYRICH: Traurigerweise geben sich die meisten amerikanischen Eliten heute dem Eigeninteresse hin, nicht dem Dienst, was ein Grund ist, warum die Dinge hier so schlecht stehen. Ihr Buch kann Menschen wieder erkennen helfen, daß wir eine Elite brauchen und haben können, die sich dem Dienen widmet.

MORTON BLACKWELL: Man muß nicht an die Unfehlbarkeit des Papstes glauben, um eine überzeugend gemachte Sache wertzuschätzen. Das Buch argumentiert theologisch, moralisch und weise und wird so viele Leser egal welchen Glaubens überzeugen, daß gute Eliten gerechtfertigt, wünschenswert und, ja, notwendig sind.

Die Sektenrechtfertigung hat CESNUR und Introvigne zu einem Liebling bei vielen Gruppen gemacht, die sich, zu Recht oder zu Unrecht, bedroht fühlen.

So veröffentlicht Liberation Times (trotz ihres Namens in italienisch; Mai 1996) der Osho- Rajneesh-Bewegung (die meiner Meinung nach keine Sekte ist) den gesamten Text des Appells von CESNUR gegen die Diskussion sektenbezogener Themen im Europäischen Parlament. Der Text ist vollgestopft mit den üblichen Kommentaren über ein "wohlbekanntes internationales